Das Kernproblem im Distanzunterricht scheint die Motivation der Schüler zu sein

"Mehr als 60 Prozent der Eltern von Grundschülern haben sich durch den Distanzunterricht infolge der Corona-Pandemie immer oder sehr häufig gestresst gefühlt – wobei die Berufstätigkeit der Mütter eine wichtige Rolle spielte. Das ergab eine Befragung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Studie zeigt allerdings auch, dass die Mehrzahl der Familien mit der Unterstützung und dem Informationsangebot zufrieden war. Ein wesentliches Problem: die Motivation der Kinder.

Die Corona-Pandemie hat die Familien in Nordrhein-Westfalen stark getroffen. Dabei ergeben sich aus der RWI-Befragung insgesamt nur wenige Unterschiede zwischen Familien aus wohlhabenderen und ärmeren Stadtvierteln. Die Mehrheit der Eltern von Grundschulkindern hatte Probleme, die Kinder zu Hause zum Lernen zu motivieren. Diese Motivationsschwierigkeiten traten besonders häufig bei Kindern auf, denen von der Schule keine oder kaum digitale Lernmittel zur Verfügung gestellt wurden. 

Fast zwei Drittel der befragten Eltern fühlten sich durch das Distanzlernen immer oder sehr häufig gestresst 
Das sind Ergebnisse einer Befragung von knapp 6.000 Eltern von Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen im Juni und Juli 2021 zur Lern- und Alltagssituation während der zweiten Phase der Pandemie. Für die Analyse wurden die Befragungsergebnisse durch kleinräumige Daten etwa zum Einkommen in den jeweiligen Stadtvierteln der Schulen ergänzt. Die Studie kann als repräsentativ gelten. Ergebnisse im Detail:

  • Während des Distanzlernens verbrachten die Grundschulkinder täglich durchschnittlich nur drei Zeitstunden mit ihren Aufgaben. Dabei fällt auf, dass der Lernumfang mit nur bis zu zwei Stunden täglich bei 38 Prozent der Kinder deutlich unter der normalen Schulzeit liegt. Auffallend ist zudem dass von den durchschnittlich drei Stunden der Schulkinder diese durchschnittlich 2,5 Stunden von den Betreuungspersonen unterstützt wurden. Die Kinder haben durchschnittlich also nur eine halbe Stunde allein gearbeitet. Insgesamt unterscheiden sich Kinder mit und ohne Migrationsdauer oder in Nachbarschaften mit unterschiedlich hohem Einkommen kaum bei der Lerndauer und der Dauer der Unterstützung durch die Eltern.

  • Die Wahl der eingesetzten Lernmittel scheint auch einen Einfluss auf die Lernmotivation der Kinder zu haben. Wurden nicht regelmäßig (das heißt einmal die Woche oder seltener) digitalen Medien (Videomeetings und -unterricht, Apps oder Lernvideos) eingesetzt, zeigt sich, dass die Eltern häufiger berichten, dass sie Probleme hatten, das Kind zu motivieren und sich häufiger gestresst fühlten. Für 64 Prozent der Befragten ist es zutreffend, dass die Kinder schwierig zu motivieren waren, wenn keine digitalen Lernmittel eingesetzt wurden. Dies gilt im Gegensatz dazu nur für 56 Prozent der Befragten, wenn entsprechende digitale Lernmittel genutzt wurden. Grundsätzlich ist die Problematik, die Kinder zum Lernen zu motivieren, aber in beiden Gruppen hoch.

  • 62 Prozent der befragten Eltern fühlten sich durch das Distanzlernen immer oder sehr häufig gestresst. Dies galt besonders für Familien, in denen die Mütter mehr als 25 Stunden pro Woche arbeiteten. Auch tägliches oder fast tägliches Homeoffice wirkte sich negativ auf das Stressempfinden aus.

  • Insgesamt fühlte sich die Mehrheit der Eltern sehr gut oder gut von den Schulen unterstützt. 21 Prozent der Eltern stimmten der Aussage zu, sie fühlten sich sehr gut von der Grundschule unterstützt, 33 Prozent, sie fühlten sich sehr gut informiert, als »gut unterstützt« bezeichneten sich 36 Prozent, als »gut informiert« 40 Prozent. »Einigermaßen gut unterstützt« bezeichneten sich 31 Prozent, »„einigermaßen gut informiert« 22 Prozent, ausdrücklich »schlecht unterstützt« nur 12 Prozent und »schlecht informiert« nur fünf Prozent.

  • In den meisten Klassen wurden digitale Lerninhalte angeboten. Allerdings haben 13 Prozent der Grundschulkinder im Frühjahr 2021 keine digitalen Möglichkeiten wie Videounterricht, Apps oder Lernvideos regelmäßig genutzt. Dies gilt besonders für Schulen in ärmeren Stadtvierteln: Dort wurden durchschnittlich weniger (digitale) Lernmittel regelmäßig eingesetzt.

  • So wurden Lernvideos, Videounterricht und Videomeetings in Nachbarschaften mit hohem Einkommen häufiger regelmäßig oder sogar täglich eingesetzt. In diesen Nachbarschaften gaben außerdem nur 7 Prozent der Familien an, dass gar keine digitalen Lernmedien verwendet werden. In den Nachbarschaften mit geringem Einkommen gaben jedoch sogar 18 Prozent der Familien an, dass für die Vermittlung des Wissens auf keine digitalen Lernmedien zurückgegriffen wurde.

  • Viele Familien haben sich speziell für das Distanzlernen digitale Endgeräte angeschafft. Familien in Vierteln mit geringerem Einkommen mussten sich häufiger Geräte anschaffen als andere Familien. Dies führte zu stärkeren finanziellen Belastungen – zusätzlich zu möglichen pandemiebedingten finanziellen Einbußen, von denen insbesondere Familien von Kindern mit Migrationshintergrund häufiger betroffen waren.

  • In ärmeren Stadtvierteln wurden außerdem häufiger Smartphones für das Distanzlernen genutzt. Durch das kleinere Display wurde eine aktive Teilnehme am Distanzunterricht erschwert.

  • »Die Studie zeigt, wie stark Eltern und ihre Kinder durch die Schulschließungen belastet waren«, sagt Studienautorin Sandra Schaffner, Leiterin des Forschungsdatenzentrums Ruhr am RWI. »Weitere Schulschließungen sollten unbedingt vermieden werden. Zudem braucht es nach wie vor höhere Investitionen in die digitale Ausstattung von Schulen, insbesondere in ärmeren Stadtvierteln.«

»Der Einsatz digitaler Lernmethoden sollte dort erhöht werden, wo sie noch wenig oder gar nicht zum Einsatz kommen“
Aus den oben Ergebnissen der Studie ließen sich folgende Empfehlungen für das aktuell beginnende Schuljahr und mögliche zukünftige Schulschließungen ableiten: »Die Berücksichtigung der elterlichen Belastungen, speziell des empfundenen Stresslevels, sowie die Motivation der Kinder während des Distanzunterricht sollte im Vordergrund stehen. Andernfalls könnte dies zu dauerhaften negativen Auswirkungen innerhalb der Familien kommen. Der Einsatz digitaler Lernmethoden sollte dort erhöht werden, wo sie noch wenig oder gar nicht zum Einsatz kommen, da dies die Motivation der Kinder zu steigern scheint. Auch muss gleichermaßen darauf geachtet werden, dass Kinder in weniger privilegierten Stadtteilen ebenso Zugang zu entsprechenden Endgeräten kommen wie in anderen Stadtteilen und Nachbarschaften.«"

► Hier geht es zum vollständigen Untersuchungsbericht.

Quelle: News4teachers