Lehrer fragen: Präsenz- und Distanzunterricht gleichzeitig – wie soll das gehen?

"Die ersten Schritte an den Schulen in den Lockdown sind chaotisch verlaufen. Positive Rückmeldungen waren nicht zu hören – stattdessen Frust, Verunsicherung, Vertrauensverlust. In Nordrhein-Westfalen, aber auch in anderen Bundesländern gibt es scharfe Kritik von Lehrer- und Elternverbänden an der Umsetzung der Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels vom gestrigen Sonntag. 
Dies ist Teil zwei des Beitrags: »Chaotischer Start in den Lockdown«.

In BRANDENBURG hält der Landeselternrat das Aussetzen der Anwesenheitspflicht in den Schulen zwar für sinnvoll, er kritisiert aber die kurzfristige Regelung. »Auf der einen Seite war es richtig, dass man so schnell wie möglich gehandelt hat«, sagte der Vorsitzende René Mertens am Montag. Die Kontakte müssten reduziert werden. Er sprach aber von einem Schnellschuss. »Wenn es für den aufmerksamen Beobachter sowieso klar war, dass der Tag X irgendwann kommt, hätte man ja schon etwas vorbereiten können.« 

Seit diesem Montag ist die Präsenzpflicht in den meisten Schulen in Brandenburg ausgesetzt, die Schüler sollen, wenn möglich zu Hause, lernen. Ausgenommen davon sind Abschlussklassen und Förderschulen. Wer keine Betreuungsmöglichkeit für sein Kind hat, soll es in die Schule bringen können. Nach den Weihnachtsferien soll ab 4. Januar für eine Woche nur Unterricht zu Hause stattfinden mit einer Notbetreuung. Die Lehrer forderten weitergehende Schritte. Der Vorsitzende des Brandenburgischen Pädagogen-Verbandes, Hartmut Stäker, verlangte in einem Offenen Brief an Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), dass ab Mittwoch nur noch häusliches Lernen stattfindet und für die ersten bis vierten Klassen eine Notbetreuung organisiert wird. Die Entscheidungen der Eltern über die Präsenz der Kinder in den Schulen unterstützten den Lockdown nicht konsequent.

SCHLESWIG-HOLSTEIN: »Bastelarbeiten als Distanzunterricht vorzuschlagen, ist nicht akzeptabel«
In Schleswig-Holstein gilt ebenfalls: Seit Montag sollen Eltern in Schleswig-Holstein ihre Kinder – soweit andere Betreuungsmöglichkeiten bestehen – nicht mehr in die Schule oder in die Kita schicken. Schon am Freitag hatte Bildungsministerin Karin Prien grundsätzlich Präsenzunterricht in den Klassen 1 bis 7 (mit Befreiungsmöglichkeit) angekündigt und ab der 8. Klasse in der Regel Distanzunterricht. »Die jetzige Ansage macht das Ganze ziemlich unübersichtlich. Es ist trotz aller Appelle nicht auszuschließen, dass in manchen Schulen die Klassen immer noch zu voll bleiben«, so erklärte GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke. Die Kitas müssten geschlossen werden und nur noch eine Notbetreuung angeboten werden. Schließlich seien auch sie Teil des Infektionsgeschehens. Die dort Beschäftigten hätten schließlich auch ein Anrecht auf mehr Schutz.

Henke bezeichnete es als »mehr als ärgerlich«, dass die Landesregierung in den vergangenen Wochen und Monaten nicht den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts gefolgt sei. Die GEW habe diese Empfehlung immer wieder aufgegriffen und darauf gedrungen, dort auf Wechselunterricht umzustellen, wo ein Inzidenzwert von 50 erreicht werde. Astrid Henke: »Das hat die Bildungsministerin immer wieder locker beiseite gewischt.« 

Der Landeselternbeirat Gymnasien Schleswig-Holstein hat der Bildungspolitik in der Corona-Pandemie sogar eine Bankrotterklärung bescheinigt. »Seit Ende Juni existiert eine verbindliche Vorgabe für Schulen, ein Distanz-Lernkonzept aufzulegen«, sagte die Vorsitzende Claudia Pick am Montag in Flintbek bei Kiel. Das aktuelle Vorgehen eröffne Spekulationen, »ob vielleicht verbindlicher Distanzunterricht nicht möglich, nicht durchsetzbar ist«.

Eltern fragten sich zu Recht, was in den vergangenen neun Monaten an Entwicklung passiert ist. »Bastelarbeiten als Distanzunterricht vorzuschlagen ist nicht akzeptabel«, meinte Pick. »Eltern sind erstaunt, dass nicht vorgesehen ist, verlässlichen und verpflichtenden Distanzunterricht für alle Schüler aller Klassenstufen zu gewährleisten«. Es sei verwirrend für Eltern, dass sie ihre Kinder zum beginnenden Lockdown beurlauben sollen, somit das Anrecht auf Unterricht verlieren, andererseits aber auch kein Unterricht mehr stattfinden soll.

»Wie ist das mit Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit vereinbar, quasi die Ferien vorzuziehen, anstatt wenigstens mit niederschwelligen Möglichkeiten bestmöglich Schule als echten Distanzunterricht fortzusetzen?«, fragte die Beiratsvorsitzende. »Nach gut neun Monaten sind wir augenscheinlich keinen Schritt weiter«, sagte Pick. »Wir erwarten vom Bildungsministerium, dass Unterricht nach Fachanforderungen gewährleistet wird – auch beim Distanzlernen! Insbesondere sind hier die Abiturjahrgänge vorrangig zu berücksichtigen.« 

BERLIN: »Wie im Frühjahr hängt auch dieses Mal viel vom individuellen Engagement der Lehrer ab«
Auch Berlins Schulen sind nach Einschätzung der GEW nur unzureichend auf die anstehende Schließung wegen der Corona-Pandemie vorbereitet. Die technische und personelle Ausstattung sei kaum besser als beim ersten Lockdown im März, sagte der GEW-Landesvorsitzende Tom Erdmann am Montag. Es gebe keine einheitliche Plattform für das Lernen von zu Hause aus, noch immer hätten nicht alle Schulen schnelles Internet und Lehrkräfte keine dienstliche Mailadresse.

»Da ist eine Menge verschlafen worden«, sagte Erdmann mit Blick auf die Bildungsverwaltung. »Wie im Frühjahr hängt auch dieses Mal viel vom individuellen Engagement und der Kreativität der Lehrerinnen und Lehrer ab.« Klare Vorgaben der Bildungsverwaltung fehlten. Im Zuge des bundesweiten Lockdowns schließen die Schulen ab Mittwoch, obwohl die Ferien erst am Wochenende beginnen. Vom 16. bis 18. Dezember sowie in der Woche vom 4. bis 8. Januar sollen die Schüler nach Angaben der Bildungsverwaltung zu Hause lernen – angeleitet von den Lehrern, die an diesen Tagen trotz Schulschließung im Dienst sind..."

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⇒  Hier geht es zu Teil eins, einem Bericht aus Nordrhein-Westfalen.