"Kinder brauchen mehr Freiheit für eigene Lösungen und Wege"

"Die Digitalexpertin Verena Pausder hält Homeschooling nach den Ferien für unzumutbar. Die Vermittlung von Fachwissen sei wichtig, der Fokus müsse aber woanders liegen.
Vergangene Woche fand unter dem Motto »Lasst uns Zukunft in die Schule bringen« der Hackathon #wirfürschule statt. Veranstalterin war unter anderem die Unternehmerin und Expertin für digitale Bildung, Verena Pausder. 2.500 Menschen nahmen teil, darunter Start-up-Unternehmer, Schülerinnen und Lehrkräfte. Es wurde gemeinsam an konkreten Schulprojekten gearbeitet und ein »Zielbild für die Schule von morgen« diskutiert. Pausder sagt, Schule sollte nicht mehr das Fachwissen ins Zentrum stellen. Ziel der Schule sollte es vor allem sein, die Kinder zu befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben. 

ZEIT ONLINE: Frau Pausder, die Kultusminister wollen die Schulen nach den Ferien wieder für alle öffnen. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, es könne auch Wechselunterricht nötig werden. Er hat das inzwischen zwar relativiert. Sicher ist aber, dass die Eltern fürchten, dass die unsichere Situation nie aufhört. Was glauben Sie, sollte über die Sommerferien geschehen, damit danach Schule verlässlich stattfindet.

Verena Pausder: Ich halte es für richtig, dass die KMK an ihrem Plan festhält, Präsenzunterricht anzubieten. Jetzt wäre allerdings Zeit, zu organisieren, was man dafür braucht. Wenn zum Beispiel keine verlässlichen Lüftungsgeräte für alle Klassenräume angeschafft werden können, sollten nach den Ferien wenigstens CO2- und Aerosol-Messgeräte vorhanden sein, die anzeigen, wann gelüftet werden muss.

Und es müssen alle Szenarien vorher festgelegt werden. Vielleicht mit einem Ampelsystem: Im Niedriginzidenzfall bis x Fällen schaltet sie auf grün, es können Masken abgelegt werden und auch Klassenfahrten und Schulfeste wieder stattfinden. Wenn die Inzidenz aber stark ansteigt, die Ampel rot wird, muss etwa jedes Kind am besten täglich getestet werden, Maske tragen, in Kleingruppen bleiben. In der Schweiz werden Pooltests in den Schulen verwendet. Mehrere Kinder spucken in einen Topf. Nur wenn die Auswertung positiv ist, werden sie einzeln getestet. Das spart Unterrichtszeit und Geld – und es verschafft Sicherheit. Aber das muss man jetzt über den Sommer vorbereiten.

ZEIT ONLINE: Falls es also doch wieder zu Wechselunterricht oder gar Schulschließungen kommt: Sind die Schulen digital inzwischen so gut ausgestattet, dass Videokonferenzen und Lernplattformen überall zuverlässig funktionieren? 

Pausder: Nein, die Digitalisierung muss dringend weiter vorangetrieben werden. Noch immer sind nur 1,5 Milliarden von 6,5 Milliarden Euro aus dem Digitalpakt in den Schulen angekommen. Ich höre von Schulleitern: »Ich habe vor neun Monaten einen Medien-Entwicklungsplan eingereicht, weiß aber nicht, wann das Geld kommt.« Das sollte jetzt endlich ausgeschüttet werden. Der Breitbandausbau muss vorangehen. Nur 20 Prozent der Schulen haben wirklich schnelles Internet. Das brauchen sie aber für die Zukunft, nicht nur für möglichen Wechselunterricht. Langsames Internet bedeutet, dass die 8b nicht mit einer 3-D-Software im Matheunterricht arbeiten kann, wenn die 8a gerade ein Video anschaut. 

ZEIT ONLINE: Eine Studie hat gerade gezeigt, dass die Kinder im ersten Lockdown so gut wie nichts gelernt haben. Danach wurde der Distanzunterricht aber deutlich besser, oder? 

Pausder: Ja, viel besser, aber die Qualität war sehr unterschiedlich. Manche Lehrkräfte haben sich weiterhin geweigert, Videounterricht anzubieten, andere hatten keine Chance wegen der schlechten Ausstattung. Ich kenne keine Zahlen, aber ich schätze, 50 Prozent der Kinder hatten einigermaßen guten Distanzunterricht, die anderen haben nur Materialien per E-Mail gesendet bekommen. Positiv ist, dass es seit dem vergangenen Sommer viel mehr Onlineweiterbildungen für Lehrkräfte gibt, um nicht nur den Distanzunterricht in Videokonferenzen zu machen, sondern besonders auch im Präsenzunterricht gezielt digitale Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern zu fördern. Distanzunterricht sollte hoffentlich bald nicht mehr nötig sein, weil er Ungleichheit verstärkt. Denn wie viel ein Kind vom Distanzunterricht mitnimmt, hängt vor allem davon ab, wie viel Unterstützung es zu Hause bekommen kann. 

ZEIT ONLINE: Soziale Gerechtigkeit soll auch laut dem »Zielbild für die Schule von morgen«, das bei Ihrem Hackathon diskutiert wurde, im Fokus stehen. Wie würden Sie diese Schüler unterstützen wollen? Sommerschulen? Nachhilfe? 

Pausder: Ich bin nicht dafür, Kinder in den Ferien dreimal die Woche zur Mathenachhilfe zu schicken. Aber sie sollten nach den Ferien erstens bevorzugt in der Schule unterrichtet werden, sofern es wieder Wechselunterricht gibt. Dazu sollten Lehrer und Lehrerinnen mithilfe der Eltern jetzt schon Listen erstellen, wer gut zu Hause lernen kann und Unterstützung hat, und wer hingegen täglich in der Schule sein muss oder möchte. Zweitens sollten sie Bildungsgutscheine für Hilfen beim Lernen bekommen, online oder auch offline von Institutionen, die ihre guten Angebote erweitern können, wie etwa das Chancenwerk..."

Zum Interview mit Verena Pauseder auf ZEIT-ONLINE.de