"Die Zeit wurde nicht genutzt für Weichenstellungen"

"Heute beginnt die re:publica - und bereits zum zweiten Mal komplett im Netz. Markus Beckedahl, Mitbegründer der in Berlin ansässigen Digitalkonferenz, spricht über digitale Zivilgesellschaft, Machtfragen - und Home-Schooling. 
rbb|24: Markus Beckedahl, die dreitägige re:publica 2021 läuft unter dem Motto "In the Mean Time". Wie würden Sie diese gemeine "Zwischenzeit" beschreiben?
Markus Beckedahl: Wir befinden uns seit über einem Jahr in einem lockdownartigen Pandemiezustand. Sehr viele dringend notwendige gesellschaftliche Debatten, die wir auf der re:publica immer geführt haben, sind ein wenig in den Hintergrund geraten. Wir wollen sowohl Aufmerksamkeit auf diese Debatten lenken, als auch generell auf die Corona-Pandemie und was sie mit uns macht, reflektieren. 

Dabei sprechen wir doch gerade durch die Pandemie sehr viel über beispielsweise Home-Office und Home-Schooling. 
Natürlich reden wir jetzt sehr viel über Home-Schooling, auch weil viele Menschen angenervt sind, wie unprofessionell und rückwärtsgewandt das läuft. Das führt aber nicht dazu, dass wir mal in die Zukunft schauen und reflektieren: Welche Infrastrukturen bräuchten wir eigentlich? Machen wir uns nicht abhängig von einzelnen Anbietern, die dann kontrollieren, wie unser Bildungssystem funktioniert? Wie müssen Lehrer*innen befähigt werden und wie kann digitaler Unterricht aussehen?

Ich habe aber nicht das Gefühl, dass die Zeit genutzt wurde für Weichenstellungen, die darüber hinausgehen, dass Schulen 2021 endlich mal Breitbandinternet erhalten. Die meisten denken offenbar, wenn Corona vorbei ist, drehen wir alles wieder zurück. Mit Digitalisierung im Schulbereich muss man sich dann nicht weiter beschäftigen. Auf der re:publica haben wir schon seit Jahren darüber gesprochen, wie digitale Bildung gelingen kann. 

In diesem Jahr werden diese Debatten komplett online laufen müssen. Die re:publica findet zum zweiten Mal digital statt. Was haben die Veranstalter aus dem ersten Versuch 2020 gelernt? 
Im vergangenen Jahr hatten wir die re:publica fertig geplant und hätten sie nur noch auf die Bühne bringen müssen, als Corona kam. Innerhalb von sechs Wochen mussten wir eine komplett neue Veranstaltung planen und im Internet streamen. Dieses Jahr war uns klar: Wir wollen nicht wieder so eine Art Fernsehprogramm machen.

Eigentlich besteht die Identität der re:publica ja aus zwei Teilen: dem vielfältigen Programm und den Menschen, die sich häufig das ganze Jahr online treffen und einmal im Jahr zusammenkommen wollen. Und da das im Moment nicht möglich ist, kombinieren wir beides mit Onlineplattformen. Wir haben also ein inhaltliches Programm über drei Tage. Daneben kann man sich auf einer Plattform, ähnlich wie auf einer analogen re:publica, von Raum zu Raum bewegen, in einer 2D-Welt. Man kann wie auf dem Hof der re:publica andere Menschen treffen und mit denen dann Videochats machen, quatschen, gemeinsam anstoßen und vielleicht zusammen kochen, während man sich gemeinsam die re:publica anschaut. 

Mit der Pandemie finden Zivilgesellschaft und die Art und Weise, wie sich Menschen politisch eine Meinung bilden, noch mehr als vorher online statt. Sie thematisieren das auch auf der re:publica. Was ist da in den letzten Monaten passiert? 
Auf der re:publica hat sich auch schon immer die digitale Zivilgesellschaft getroffen, die sich aus digitalen Perspektiven mit dem öffentlichen Raum und den Grundrechten beschäftigt hat. Diese digitale Zivilgesellschaft war besser vorbereitet auf ein Jahr Homeoffice, weil sie sich schon immer auch digital vernetzt hat. Aber diese Pandemie hat auch gezeigt, wie abhängig wir von der Infrastruktur einiger weniger Unternehmen und sogar einzelner Personen wie Mark Zuckerberg sind. Diese Machtfrage haben wir noch viel zu wenig thematisiert. Wie schaffen wir es, offene und datenschutzfreundliche, dezentrale Alternativen aufzubauen, die dann mehr öffentlicher Raum sind als Facebook oder Instagram?..."

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