"Das war blöde"

"Kinder erleben die Pandemie anders als Erwachsene. Wie genau, das versucht ein Kinderhilfswerk herauszufinden. Schon jetzt zeigt sich, dass die Jungen »nicht bloß als passive Objekte der Bildung und Betreuung« betrachtet werden dürfen.
Alle paar Jahre veröffentlicht das internationale christliche Kinderhilfswerk World Vision eine repräsentative Studie über die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen. Das Besondere: Befragt werden tatsächlich die Kinder, nicht ihre Eltern. Die nächste Studie soll 2023 veröffentlicht werden, Zwischenergebnisse zur Corona-Pandemie aber hat die Organisation schon jetzt in einem Vorabbericht zusammengestellt, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Im öffentlichen Diskurs werde viel über Kinder gesprochen, heißt es darin, doch ihre eigenen Stimmen würden kaum gehört. Caterina Rohde-Abuba, Forschungsleiterin bei World Vision, erklärt, dass es sich bei der Vorabveröffentlichung um den qualitativen Teil der Gesamtstudie handelt.

Dafür wurden in Deutschland 19 und in Ghana 15 Kinder zwischen sechs und 16 Jahren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten bis zu eineinhalb Stunden lang befragt. Sie bleiben am Ende anonym, ihre Namen werden geändert. Mit der anschließenden standardisierten Befragung von zusammen 4000 Kindern, soll es im Sommer und Herbst losgehen.

Deutlich mehr häusliche Aufgaben 
Was aber bringt es, eine kleine Gruppe Kinder zu befragen? »Wenn man ein neues Thema erforscht«, sagt Rohde-Abuba, »ist es unerlässlich, nicht gleich mit den standardisierten Fragebögen zu beginnen. Sonst bringt man wieder nur die Perspektive der Erwachsenen ein und den aktuellen Forschungsstand.« Sie hätten mit den Tiefeninterviews herausbekommen wollen, wie Kinder überhaupt über Corona sprechen.

Überrascht habe sie zum Beispiel, dass die Kinder in beiden Ländern deutlich mehr häusliche Aufgaben übernommen hätten in der Pandemie, etwa die Betreuung jüngerer Geschwister. Die Autoren schreiben, dass Kinder deshalb »nicht bloß als passive Objekte der Bildung und Betreuung durch ihre Eltern« betrachtet werden dürften. "Das Thema hatten wir vorher nicht im Blick", sagt Rohde-Abuba, die einige Interviews selbst geführt hat.

Die Interviews zeigen, dass Covid-19 von jungen Menschen in Deutschland wie auch in Ghana als »potenziell tödliche Infektionskrankheit« wahrgenommen wird. Allerdings diskutierten die Kinder hierzulande das Risiko einer Erkrankung »eher in Bezug auf ihre älteren oder vorerkrankten Verwandten«, heißt es in der Veröffentlichung. »Also vor den Schulferien hatten wir, glaube ich, noch einen Monat Unterricht«, wird etwa ein 14-Jähriger zitiert. »Aber ich konnte noch nicht gehen, weil meine Mutter Risikopatientin war.« 

»Weil Menschen sterben, sterben auch Kinder« 
In Ghana dagegen spielte auch das Sterberisiko für Kinder selbst eine größere Rolle: »Weil Menschen sterben, sterben auch Kinder« sagte eine Zwölfjährige. Auch die Nebenwirkungen der Anti-Corona-Maßnahmen, wie ein sinkendes Einkommen, ein schlechterer Zugang zur Gesundheitsversorgung oder das wegfallende Schulessen, waren für ghanaische Kinder wichtiger als für deutsche..."

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