Gleiches Internet für alle

"Die Kommunen entscheiden, wie gut oder schlecht die Digitalisierung der Schulen gelingt. Das müssen Bund und Länder unbedingt ändern.
In der digitalen Bildung gibt es keine Chancengerechtigkeit, das wissen wir seit Längerem. Viele denken, es liege in erster Linie daran, dass sich viele Schüler und Schülerinnen keinen eigenen Computer leisten können oder sie zu Hause keinen Internetzugang haben. Doch es gibt einen weiteren, ebenso wichtigen Grund für Ungerechtigkeiten: den Standort der Schule. In Deutschland hängt die Digitalisierung einer Schule in erster Linie von der Finanzstärke ihrer Kommune ab, der Expertise der zuständigen Kommunalverwaltung sowie dem politischen Willen des Gemeinderats.

Ich unterrichte an einem Gymnasium in Tübingen. Der Stadt geht es finanziell gut, und die zuständigen Leute im Rathaus sind kundig. Deshalb haben wir einen schnellen Internetzugang, Beamer in jedem Klassenzimmer und ausreichend Computer. Dies ist längst nicht überall der Fall. Wenn ich Vorträge zum Thema Medienbildung halte, erzählen mir Kollegen und Kolleginnen aus ganz Deutschland, dass sie nicht so digital arbeiten könnten wie ich, weil ihre Kommune nicht so gut aufgestellt sei wie Tübingen.

Wie unterschiedlich einzelne Schulen ausgestattet sind, merke ich auch bei meiner Arbeit an der Universität. Wir erforschen, wie wir Schüler mit einer bestimmten Software individuell beim Lernen unterstützen können. Wenn wir die Software testen wollen, klappt das an Schulen in einigen Kommunen hervorragend. An anderen Schulen müssen wir nicht nur die Tablets mitbringen, sondern auch für den Internetzugang sorgen.

In unserem Bildungssystem herrscht eine strikte Arbeitsteilung. Die Kultusministerien sind dafür verantwortlich, was im Unterricht gelehrt wird. Städte und Gemeinden kümmern sich um die Infrastruktur. Sie sorgen für den Schulbau, die Ausstattung der Räume, und sie stellen die Hausmeister ein. Diese Aufgaben werden je nach finanziellen Mitteln mal besser und mal schlechter bewältigt. Es gibt Schulen, in denen die Toiletten nicht (immer) funktionieren. Das ist zwar nicht akzeptabel, hat in der Regel aber keine Auswirkungen auf den Englischunterricht. 

Mit der Digitalisierung jedoch hat sich die Rolle der Schulträger grundlegend verändert. Jetzt haben die Kommunen plötzlich einen großen Einfluss darauf, was und wie unterrichtet wird. Sorgt mein Schulträger nicht für einen schnellen und flächendeckenden Internetanschluss, bleibt mein Unterricht im 20. Jahrhundert stecken.

Nun werden in den nächsten Jahren hoffentlich alle Schulträger – dank der Bundesgelder des Digitalpaktes – ihre Schulen mit schnellem Internet versorgen können. Doch damit ist es nicht getan. Die Kommunen müssen darüber hinaus auch Computer und Lernprogramme anschaffen. Sie wollen deshalb bei diesen Themen jetzt auch inhaltlich mitreden.

2019 war ich auf einer Veranstaltung des Gemeinderats Tübingen. Dort diskutierten die verschiedenen Fraktionen nicht nur darüber, welche Hard- und Software für Schulen angeschafft werden sollte, sondern auch, wie ein guter (digitaler) Unterricht aussehen solle. Genau dieses Thema gehört aber in die Kultusministerien und noch viel mehr in die einzelnen Schulen.

Für dieses Dilemma gibt es nur eine Lösung: Wenn wir die weitere Fragmentierung der digitalen Bildung in Deutschland verhindern wollen, müssen die Länder und der Bund die vollständige Verantwortung für die Digitalisierung übernehmen. Sie müssen klar definieren, was Schulen brauchen, (Mindest-)Standards für die digitale Ausstattung festlegen und diese vollständig finanzieren. Die Ampelkoalition in Berlin will mit den Ländern und Kommunen über »neue Formen der Zusammenarbeit« nachdenken, heißt es im Koalitionsvertrag. Das Dauerthema Digitalisierung zeigt, wie notwendig das ist." 


Florian Nuxoll ist Lehrer an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen.


Quelle: ZEIT ONLINE, Autor: Florian Nuxoll