Museum ist nun Schule - Oberstufe bezieht das ehemalige Rautenstrauch-Joest-Museum am Ubierring

Der erste Bauabschnitt für den Umbau des ehemaligen Rautenstrauch-Joest-Museums am Ubierring in der Kölner Innenstadt ist abgeschlossen. Die Schlüsselübergabe an die Schulverwaltung, die das Gebäude nun als Interim für die Oberstufe der Integrierten Gesamtschule Innenstadt (Igis) nutzen kann, ist erfolgt. Damit kann die Schule ihren Betrieb in dem kernsanierten historischen Bau aufnehmen. Am gestrigen Montag, 14. Dezember 2020, sind zunächst die Lehrkräfte in das neue Gebäude eingezogen. Wegen des Lockdowns werden die Schülerinnen und Schüler erst nach den Winterferien dorthin wechseln. 

Der zweite, wesentlich weniger lärmintensive Bauabschnitt kann, wie von Beginn geplant und weit im Vorfeld mit der Schule einvernehmlich abgestimmt, während des laufenden Schulbetriebes umgesetzt werden. Dieser Bauabschnitt soll voraussichtlich im 1. Quartal des nächsten Jahres abgeschlossen sein. 

In dem ehemaligen Museum stehen den Schülerinnen und Schülern nunmehr ungewöhnliche und bis zu 170 Quadratmeter große Räume mit hohen Decken zur Verfügung. Baulich wurde das denkmalgeschützte Haus auf den neuesten Stand der Gebäudetechnik gebracht, so dass nun alle erforderlichen Bestimmungen, wie beispielsweise für den Brandschutz, erfüllt sind. Eine moderne Lüftungsanlage sorgt zusätzlich zu den Fenstern für die erforderliche Frischluftzufuhr. Die Fachräume für die naturwissenschaftlichen Fächer verfügen wie alle Klassenräume über die neuesten Medienleitungen. Die erste von später zwei Turnhallen im Gebäudeinnern ist ebenfalls bereits voll nutzbar. Der Trakt für die Verwaltung ist mit Oberlichtern versehen und wirkt einladend und hell. 

Mit dem Interim im Vorgriff auf den Neubau der Gesamtschule werden 240 Schulplätze gesichert. Die Räume dienen der Oberstufe so lange als Übergangsdomizil, bis der Neubau am rückwärtig gelegenen Severinswall fertig ist. Dies wird voraussichtlich zum Schuljahr 2022/2023 der Fall sein. Die Baustelle am Severinswall schreitet zügig voran, der Rohbau wächst bereits in die Höhe und es sind Teile des ersten von insgesamt zwei Obergeschossen sichtbar. Mit dem Wechsel der Igis-Oberstufe an den Ubierring können sowohl deren bisheriger Standort in der Frankstraße als auch das zwischenzeitlich als Interim genutzte Schulgebäude in der Dagobertstraße bald saniert werden. Die Vergabe für die Sanierung des Schulstandortes Frankstraße steht kurz bevor. 

Schon zu Beginn der Bauarbeiten erwies sich die Substanz des ehemaligen Museumsgebäudes teilweise als deutlich schlechter als dies aus Voruntersuchungen zu erkennen war. So kamen beispielsweise großflächige Hohlräume unter dem Putz zum Vorschein oder die statische Sicherheit von Gewölben war nicht mehr gegebenen, so dass diese erneuert werden mussten. Eine weitere unvorhersehbare, aber in dem Fall erfreuliche Entdeckung waren die sieben wertvollen Wandkunstwerke, die zum Vorschein kamen. Diese so genannten Sgraffiti bestehen aus einem mehrlagigen, meist verschiedenfarbigen Putzaufbau, durch den reliefartige Darstellungen, Skulpturen oder Ornamente in Erscheinung treten. Die sieben Werke des Künstlers Otto Helmut Gerster stammen aus der Zeit um 1948 und sind erstaunlich gut erhalten. 

Als das damalige Völkerkundemuseum nach dem Krieg durch die Kammerspiele der Stadt genutzt wurde, waren die Fenster zwecks Verdunkelung des Raums zugemauert und nach außen hin mit Darstellungen der Künste, des Theaterspiels, des Dramas und der Komödie versehen worden. Als die Kammerspiele wieder auszogen, passten diese Motive thematisch nicht mehr, so dass die Wandkunst zugemauert wurde. 

»Es wusste niemand mehr, dass dem so ist«, so Thomas Lehmkuhl, Diplom-Restaurator und externer Sachverständiger im Auftrag der Gebäudewirtschaft der Stadt Köln. Im weiteren Verlauf der Sanierung wurden die vermutlich in den 1970er Jahren zugemauerten Fenster wieder geöffnet, um dem dahinter liegenden Raum Tageslicht zu geben. Dabei wurden die Sgraffiti entdeckt. 

»Dabei offenbarte sich für uns eine sehr schöne Denkweise der damaligen Zeit«, so Thomas Lehmkuhl weiter. »Vor die Sgraffiti waren nicht einfach nur Platten davorgesetzt worden, die mit Mörtel an der eigentlichen Oberfläche befestigt wurden. Über die gesamte Fläche von 1,80 Meter mal 3,45 Meter pro Bild war jeweils eine dreilagige Trennschicht gebaut worden. Das heißt, man hatte offensichtlich sehr hohen Respekt vor diesen Kunstwerken und wollte nicht, dass sich diese Vermauerung irreversibel mit dem Untergrund verbindet. Nur dadurch konnte es gelingen, die Objekte heute nahezu unbeschadet freizulegen.« 

Die Wandbilder sind denkmalpflegerisch und kunsthistorisch von hoher Bedeutung. Die Sgraffiti-Kunst an Gebäuden etablierte sich in den 1920/30er Jahren und hatte ihren Höhepunkt in den 1950er Jahren. Seit den 1970er Jahren verschwanden viele dieser Wandkunstwerke auch mit einer veränderten Sichtweise auf Fassaden hinter Wärmedämmverbundsystemen. Zum Teil wurden sie auch entfernt oder monochrom überstrichen und damit ganz zerstört und gingen für immer verloren. »Umso bedeutender, wichtiger und erfreulicher war es und ist es, dass diese sieben Sgraffiti hier am ehemaligen Rautenstrauch-Joest-Museum erhalten sind«, so Thomas Lehmkuhl. 

Jedes der Bilder ist 680 bis 750 Kilogramm schwer. Das erste der sieben Wandbilder wurde vor wenigen Tagen in enger Abstimmung mit dem Amt für Denkmalschutz und Denkmalpflege geborgen und ausgebaut. Dazu musste zunächst sehr behutsam die Vermauerung auf der Rückseite, die als Träger diente, bis auf eine Putzdicke soweit zurückgebaut werden, bis das Putzsystem nur noch drei bis vier Zentimeter stark war. 

Um es zu stabilisieren, wurde ein so genanntes »Sandwich«-Verfahren entwickelt. Dabei wird das Kunstwerk zuerst vorderseitig gesichert. Dies geschieht durch die Verwendung einer Abformmasse, ein Silikonkautschuk, der es zusammenfügt und verklebt. So konnte zugleich eine Negativform gewonnen werden, mit der das Bild notfalls hätte rekonstruiert werden können. Mit jeweils einer Aluwabenplatte vorne und hinten, die vor dem Ausbau miteinander verschraubt werden, kann das »Sandwich« aus der Wand herausgelöst werden. 

Dadurch, dass es gelungen ist, das erste Objekt nun schadensfrei auszubauen, ist mit nur sehr geringem Aufwand für die Restaurierung zu rechnen. Etwaige Bruchstellen aus der Nutzungszeit, die vermutlich witterungsbedingt sind, werden aus Sicherungsgründen beim Ausbau mit Putz ausgegossen. Diese bestehen nur an zwei von sieben Sgraffiti, alle anderen sind nahezu schadensfrei und weisen nur kleinere Fehlstellen auf. 

Einige der sieben Wandbilder sollen später im Gebäude öffentlich sichtbar sein und baulich integriert werden. Für deren Aufstellung müssen entsprechende Rahmen erstellt werden, damit sie stabil an der Wand montiert werden können. Weitere denkmalpflegerische Schätze, wie beispielsweise die komplette Fassade oder das ebenfalls denkmalgeschützte Treppenhaus, in dem noch die historischen Gewölbe rekonstruiert werden, werden nach Abschluss aller Arbeiten dann ebenfalls der Geschichte des Hauses angemessen restauriert und saniert. Dadurch werden nach der Interimsnutzung durch die Schulverwaltung verschiedene Folgenutzungen möglich. 

Das 1904 bis 1906 von Erwin Crones errichtete Rautenstrauch-Joest-Museum am Ubierring, dessen Haupttrakt im Zweiten Weltkrieg weitgehend intakt blieb, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise als Spielstätte der Kammerspiele Köln genutzt. 1967 feierte das Rautenstrauch-Joest-Museum in dem Bau seine Wiedereröffnung. Seit 2008 hat das Museum seine Heimat im Kulturzentrum am Neumarkt.

Zur Pressemitteilung auf Stadt-Koeln.de.