Hinter den Zusammenbrüchen der Schulplattformen steckt ein Systemfehler: Ministerien als IT-Entwickler? Das kann nur scheitern

"Für viele Schüler in Deutschland soll der Unterricht auch im Lockdown weitergehen – digital. Doch die Lernportale, die von den Kultusministerien bereitgestellt werden, funktionieren in der Corona-Krise mehr schlecht als recht. Zum einen sind sie nicht so leicht zu bedienen, dass Lehrer und Schüler damit mal eben loslegen könnten. Zum anderen brechen sie unter dem aktuellen Nutzer-Ansturm immer wieder zusammen. Hinter den Problemen steckt ein grundsätzlicher Denkfehler: Ministerien versuchen sich als IT-Entwickler. Das kann nur schiefgehen.

Man stelle sich vor: Die Polizei des Landes Baden-Württemberg benötigt neue Dienstfahrzeuge. Das Innenministerium beschließt angesichts der besonderen Anforderungen, die an ein Polizeiauto zu richten sind, die Entwicklung eines komplett neuen Gefährts. Drei Jahre Entwicklungszeit werden dafür eingeplant; die Entwicklungskosten werden auf 30 Millionen Euro veranschlagt. Bis dahin sollen sich die Polizisten bei der Verbrecherjagd mit Fahrrädern behelfen. Absurd – weil doch der Markt genügend Autos bereithält, die leicht anzupassen wären? Im Bereich der IT für Schulen keineswegs.

Kultusministerien versuchen sich als IT-Entwickler und erleben dabei Pleiten, Pech und Pannen 
Das baden-württembergische Kultusministerium beschloss 2015, noch unter SPD-Führung, die Entwicklung einer eigenen Schulplattform namens »ella«. 2018 sollte sie an den Start gehen. Knapp 30 Millionen Euro wollte das Land dafür ausgeben. Nachdem die Premiere mehrfach wegen gravierender technischer Probleme verschoben wurde, musste das Projekt im vergangenen Jahr komplett beerdigt werden. Mehr als sechs Millionen Euro waren bereits bis zum Projektstopp im Februar geflossen – für nichts. Über weitere Millionen stritten das Land und die einbezogene kommunale Entwicklungsgesellschaft, bis ein (für das Land wohl teurer) Vergleich, über dessen Inhalt geschwiegen wird, die Auseinandersetzung beendete.

Kein Einzelfall. Auch andere Kultusministerien – wie das nordrhein-westfälische – versuchten sich als IT-Entwickler und erlebten dabei Pleiten, Pech und Pannen. Die NRW-Plattform »logineo« ging Anfang des Jahres an den Start, nachdem auch dieses Projekt aufgrund von massiven Datenschutz-Problemen mehrfach verschoben werden musste. Noch immer ist die Cloud nicht in der Fläche ausgerollt: Erst jede fünfte Schule im Land arbeitet mit dem System.

Trotzdem gibt es aktuell Probleme. »Zum Versagen auf ganzer Linie passt, dass es aktuell (Do., 09.00) schon wieder keine Slots gibt, um in NRW auf logineo Dienstmails zu verschicken. Wahrscheinlich habe ich übersehen, erst einen formellen Antrag auf das Versenden einer Dienstmail zu stellen oder eine Nummer zu ziehen«, so schreibt ein Lehrer auf News4teachers. Ein anderer berichtete am gestrigen Mittwoch: «Logineo war in NRW heute Vormittag für Stunden lahm. Viele, viele Millionen darin versenkt, aber häufig man kommt sich so vor, als müsste man eine Nummer ziehen oder einen Slot buchen, um eine Dienstmail zu verschicken. Fehler können passieren, aber das? Vor allem, wenn genau diejenigen Fehler zu verantworten haben, welche sich über alle Wissenschaft erhaben wähnen.« 

Die IT-Probleme betreffen, nachdem schon gestern über Schwierigkeiten mit den Lernplattformen in etlichen Bundesländern berichtet wurde, heute weitere Fälle:

  • Bei der bayerischen Lernplattform Mebis hat es am Donnerstag erneut Schwierigkeiten gegeben. Aktuell meldeten sich viele Nutzerinnen und Nutzer gleichzeitig an, teilte das Service-Team am Morgen auf Twitter mit. »Dadurch kommt es leider zu langen Wartezeiten.« Bereits am ersten Tag des Lockdowns am Mittwoch mussten sich die Schülerinnen und Schüler über Mebis ärgern. Es kam zu langen Wartezeiten beim Einloggen. Andere Nutzer flogen kurzerhand wieder aus dem System raus.

  • Die Probleme bei der digitalen Plattform »Lernraum Berlin« halten an. Auch am Donnerstag konnten sich wie schon am Vortag viele Schüler und Lehrer dort nicht einloggen. Auf der Webseite selbst war am Morgen zu lesen, es werde daran gearbeitet, die Plattform den neuen Anforderungen anzupassen. Die Anzahl der gleichzeitigen Zugriffe habe sich am Mittwoch – dem Beginn des harten Lockdowns zur Eindämmung der Corona-Pandemie – »von einem Tag auf den anderen deutlich gesteigert«.

  • Am ersten Tag der schärferen Corona-Regeln in Sachsen-Anhalt ist die Lernplattform des Landes wegen hoher Nachfrage zusammengebrochen. Es habe ähnlich wie in anderen Bundesländern Schwierigkeiten gegeben, sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums. Grund sei die hohe Zahl an Zugriffen auf den Server.

»Offiziell eine Plattform zu haben (und darüber medienwirksam zu berichten) ist nicht das Gleiche wie sie für alle leistungsfähig genug zu machen, so dass sie, wenn sie gebraucht wird, auch funktioniert«, so kommentiert ein Lehrer im Leserforum von News4teachers die Probleme.

Das Bundesbildungsministerium versucht zu helfen – mit noch einer Lernplattform 
Die Frage steht im Raum: Warum nutzen Kultusministerien nicht die technischen Lösungen, die Unternehmen bereithalten und stetig weiterentwickeln – und basteln stattdessen, auch noch jedes für sich, an staatlichen Lösungen? Hier für Ordnung zu sorgen und die Kräfte zu bündeln, wäre doch eigentlich eine Aufgabe für ein Bundesbildungsministerium, das zwar formal nicht für die Schulen zuständig ist, mit einer Vernetzung der Länderinitiativen und der IT-Wirtschaft aber durchaus die Entwicklung voranbringen könnte. Das versucht das BMBF tatsächlich – vergrößert aber nur noch das Durcheinander, in dem es eine weitere Schulcloud entwickeln lässt, diesmal vom Hasso-Plattner-Institut (HPI).

Auch dieses Projekt scheint sich als Kopfgeburt herauszustellen, wie eine Anfrage der FDP-Politikerin Katja Suding zumindest nahelegt. Die Schul-Cloud des HPI, deren Förderung der Bund im Frühjahr wegen Corona noch deutlich ausgebaut hatte, wird laut Antwort des Bundesbildungsministerium vom 22. November nur von 356 Schulen aktiv im Rahmen des Bundesprogramms genutzt. Angemeldet seien 496 Schulen.

Es gibt marktreife Lösungen aus Deutschland, die an Schulen schon im Einsatz sind 
Dass es solche marktreifen Lösungen gibt, darauf hatten die mittelständischen Unternehmen AixConcept, DigiOnline, H+H Software, IServ, itslearning und SBE network solutions in einem gemeinsamen offenen Brief an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) bereits im April hingewiesen, der auf News4teachers erschien. »Deutsche Mittelständler bieten vielfältige innovative Lösungen für Schulen an. Diese Produkte sind praxisnah, ausgereift und werden seit vielen Jahren erfolgreich an Schulen eingesetzt. Die Anbieter leisten schon seit Beginn der Schulschließungen Soforthilfe, indem sie Schulen unbürokratisch und teils auch komplett kostenlos ihre Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Da eine kurzfristige Finanzierung vom Staat fehlt, werden die zusätzlich nötigen Kapazitäten so gut es geht aus eigenen Mitteln finanziert«, so heißt es in dem Schreiben..."

Zum Artikel auf News4teachers.de.