Corona-Krise: Mehr als jeder zehnte Lehrer fällt für den Unterricht im Klassenzimmer aus

"Lehrer können sich bisher einfach vom Unterricht im Klassenzimmer befreien lassen, wenn sie Angst vor einer Corona-Ansteckung haben. Fast alle Bundesländer führen deshalb jetzt eine Attestpflicht ein. Eine Auswertung des SPIEGEL zeigt, wo wie viele Lehrer fehlen.
Die Bitte seines Patienten machte den Arzt Gunter Lehmann fassungslos. Da stand ein kerngesunder Mann vor ihm und bat ihn um eine Bestätigung, dass er zu einer Corona-Risikogruppe gehöre. Lehmann habe ihm doch vor drei Jahren mal ein Asthmaspray verschrieben, argumentierte der Mann, ein Lehrer aus dem Kreis Kassel. Mit dem Attest wollte er sich vom Unterricht in der Schule befreien lassen.

Für Lehrer ist das derzeit relativ einfach: In den meisten Bundesländern reicht allein der Verweis auf das Zusammenleben mit jemandem, der Bluthochdruck hat, wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin nicht im Klassenraum unterrichten will. Auch wer an Volkskrankheiten wie Diabetes oder Asthma leidet, kann sich mit einer Bescheinigung vom Arzt vorsorglich vom Präsenzunterricht, also dem Unterricht mit persönlich anwesenden Schülern, befreien lassen.

Hausarzt Lehmann findet das ungerecht. »Wenn alle Ärzte und Krankenpfleger mit Bluthochdruck oder Asthma ihre Arbeit einstellen würden, würde das System zusammenbrechen. Auch bei Verkäufern fragt niemand nach chronischen Krankheiten. Die Bevölkerung wird hier ungleich behandelt, und das bringt mich auf die Palme.« 

Den Lehrer, der grundlos zum Asthmatiker erklärt werden wollte, hat er wieder nach Hause geschickt. Anderen konnte er die Bitte um ein Attest nicht abschlagen. Auch wenn er persönlich eine Freistellung vom Unterricht im Klassenzimmer, nur weil man hohen Blutdruck hat oder mit Diabetikern in einem Haushalt lebt, nicht für gerechtfertigt hält.

Lehmann gehört selbst zur Corona-Risikogruppe, er ist 74 Jahre alt und leidet unter Asthma. Seine Praxis betreibt er zusammen mit seiner Frau, sie ist 69. »Wir haben die letzten Monate trotzdem voll durchgepowert«, sagt Lehmann. »Ich will mich nicht beschweren, ich liebe meinen Job. Und ich will auch nicht alle über einen Kamm scheren, natürlich gibt es auch Lehrer, die sehr engagiert sind und trotz Vorerkrankungen unterrichten. Was mich ärgert, ist, dass der Staat sich hauptsächlich um Beamte und Beschäftigte im öffentlichen Dienst kümmert und andere Berufsgruppen vernachlässigt.« 

Diesen Vorwurf hatte Mitte Mai auch Thomas Fischbach, der Präsident des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte, in einem Interview mit der »Neuen Osnabrücker Zeitung« erhoben: »Es ist schon unverständlich, dass die Berufsgruppe der Lehrer für sich ein solches Schutzprivileg in Anspruch nimmt.«

Aber tut sie das wirklich? Eine Auswertung des SPIEGEL zeigt: In zehn von 16 Bundesländern fällt derzeit mindestens jeder zehnte Lehrer für den Unterricht im Klassenzimmer aus. In Baden-Württemberg liegt der Anteil der gegenwärtig im Präsenzdienst nicht dienstfähigen Lehrer sogar bei rund 20 Prozent, in Nordrhein-Westfalen bei 17,4 Prozent, in Hessen schätzt das Kultusministerium die Lehrer-Ausfallquote für den Präsenzunterricht auf 15 bis 18 Prozent..."

Zum Artikel auf Spiegel Online.