"Themen kurz darzustellen ist die Kunst bei TikTok"

Auf dem Kanal »KI_kurzerklaert« beschäftigen sich junge Menschen mit Themen rund um künstliche Intelligenz. Ein Gespräch mit der Projektverantwortlichen Kristina Laube und der Presenterin Mathilda Babetzki über die Formatwahl, Interaktion auf TikTok und »snackable content«. 

Kristina Laube: Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt kontinuierlich. Im Alltag verwenden wir ganz viele KI-Systeme – manchmal auch ohne uns dessen bewusst zu sein. Ziel des Kanals ist es, KI-Forschung zugänglich zu machen und den Dialog mit einer jungen Zielgruppe zu fördern. Gerade junge Menschen sollen dadurch die Technologien besser verstehen und sie auch kritisch reflektieren können. Wir wollen den medial erzählten Narrativen und Vorurteilen wie der humanoiden Superintelligenz, die man aus Filmen wie »Terminator« oder »I, Robot« kennt, Fakten entgegensetzen. Uns ist dabei wichtig, junge Menschen aktiv in die Wissenschaftskommunikation einzubeziehen. Deswegen stehen als Presenter*innen Menschen wie Mathilda, die beim Bundeswettbewerb für künstliche Intelligenz ihren Bundesfreiwilligendienst macht, vor der Kamera. 

Frau Babetzki, was erwartet TikTok-Nutzer*innen, wenn sie sich Ihren Kanal ansehen? 
Mathilda Babetzki: Auf unserem Kanal gibt es ganz unterschiedliche Videos rund um künstliche Intelligenz. Wir versuchen die Themen so kurz und anschaulich wie möglich rüberzubringen. Die unterschiedlichen Presenter*innen widmen sich verschiedenen Bereichen. Wer sich eher für die technologischen Aspekte interessiert, wird bei Theo Döllmann fündig. Ich beschäftige mich mit KI-Anwendungen und der Wissenschaftsgeschichte und Annika Nassal mit Fragen zur Ethik. Malin stellt KI-basierte Fun Facts vor.

Wie kam diese Themenzuordnung zustande? 
Babetzki: Wir haben uns anfangs überlegt, welche Themen uns interessieren. Dann ist die Aufteilung ganz automatisch aufgrund unserer verschiedenen Hintergründe und Interessen entstanden. 

Laube: Theo gehört zu den Gewinner*innen des BWKI 2019 und programmiert selbst viel. Daher erklärt er KI-Begriffe und macht die hands-on-Themen. Er zeigt den Nutzer*innen beispielsweise, wie man einen Algorithmus trainiert. Eines meiner Lieblingsthemen ist das Zusammenspiel von KI und Klimawandel. Mathilda erklärt in einem Video, wie das Trainieren von Algorithmen einen enormen CO2-Fußabdruck hinterlässt, weil es viel Strom und Ressourcen verbraucht. Gleichzeitig kann man mit Hilfe von KI-Systemen den Stromverbrauch oder den Verkehr optimal steuern. 

Warum haben Sie TikTok als Kanal ausgewählt? 
Laube: Wir sind dahin gegangen, wo unsere Zielgruppe ist. Uns ist wichtig, auch Menschen unterschiedlicher Bildungshintergründe anzusprechen. Bei einem Tag der offenen Tür an Forschungseinrichtungen kommen häufig die Kinder von Bildungsbürger*innen. Auf TikTok kann man eine recht breite Nutzer*innengruppe erreichen. Laut Nutzungsstatistiken ist es eines der jüngsten sozialen Netzwerke. Im Gegensatz zu anderen Plattformen kann man auch als unbekanntere*r Creator*in ohne viele Follower*innen relativ einfach eine hohe Reichweite erzielen. Die Videos werden auf der „Für-Dich-Seite“ angezeigt und haben die Chance viral zu gehen. Außerdem regt die Plattform zur Interaktion an. Die Nutzer*innen können beispielsweise Fragen stellen. Wenn wir ein neues Video posten, kommt viel Rücklauf. Das ist ein Geschenk, da wir mehr darüber erfahren, welche Themen unsere Zielgruppe interessiert oder welche polarisieren.

Wie sieht die Interaktion mit den Nutzer*innen auf TikTok aus?
Laube: Wir antworten sachgemäß auf ihre Fragen. Häufig kommt von ihnen inspirierender Input für unsere nächsten TikTok-Videos. Wir haben uns eine neue Rubrik ausgedacht, um noch ein bisschen unterhaltsamer zu werden. Sie heißt »Ist das von einer KI oder von einem Menschen gemacht?«. Wir zeigen zum Beispiel ein Kunstwerk und User*innen sollen raten, ob es ein Mensch oder eine KI gemalt hat. Im Antwortvideo gehen wir auf die Rückmeldungen der Nutzer*innen ein.

Was bedeutet die Kanalwahl für die Umsetzung? Wie entsteht ein TikTok-Video für KI_kurzerklaert? 
Laube:
Wir besprechen gemeinsam, welche Themen relevant sind, ob es neue Forschungsergebnisse zum Thema KI oder aktuelle gesellschaftliche Ereignisse gibt. Zu den Olympischen Spielen passte beispielsweise das Thema KI und Doping. Durch den Ukrainekrieg kamen Themen wie Gesichtserkennung in Kriegsgebieten auf. 

Babetzki: Wenn ich ein Thema gefunden habe, versuche ich so viel wie möglich darüber herauszufinden. Teilweise findet man viele Artikel, manchmal gibt es noch gar nicht so viele Informationen dazu. Aufbauend auf der Recherche schreibe ich ein Skript, das ich Kristina zur Abnahme gebe. Sie überarbeitet es meist nochmal. 

Laube: Ich finde es toll, dass unsere Presenter*innen die Texte selbst schreiben. Anschließend geht es an die Produktion. Wir drehen meistens an ein bis zwei Tagen, im Juni zum Beispiel im KI-Makerspace in Tübingen. Dort haben wir einen Ort geschaffen, an dem junge Leute, programmieren lernen und sich in verschiedenen Werkstätten selbst ausprobieren können. Wir haben eine kleine TikTok-Ecke mit Wohnzimmeratmosphäre eingerichtet: mit Robotik- und KI-Literatur und kleinen Accessoires im Hintergrund. Für den Dreh und die Postproduktion, also Schnitt und Animation, arbeiten wir mit der Produktionsfirma »grasshopper kreativ« zusammen. Dann wird gepostet.

Beziehen Sie in die Videos auch die Expertise der Wissenschaftler*innen der umliegenden Tübinger Forschungsinstitute ein? 
Laube: Im Großen und Ganzen basieren die Videos auf unseren Recherchen. Aber wir können bei Fragen jederzeit die Profis kontaktieren. 

Babetzki: Ich durfte verschiedene Wissenschaftler*innen für unseren TikTok-Kanal interviewen. Der Informatiker und Youtuber Cedric Mössner, der auch in der BWKI-Jury sitzt, war dabei oder der Neurowissenschaftler Matthias Bethge, der einen Bildbearbeitungsalgorithmus entwickelt hat. Das fand ich ziemlich cool.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, junge Menschen vor die Kamera zu stellen? 
Laube: Man muss nicht immer mit einem didaktischen erwachsenen Blick an die Dinge rangehen. Unsere Presenter*innen sind 18 oder 19 Jahre alt. Ich glaube, dass sich junge Menschen von ihnen eher angesprochen fühlen. Sie können sich im besten Falle mit den Presenter*innen identifizieren und sich für die Themen begeistern. Vielleicht haben sie sogar selbst Lust, etwas zu programmieren.
Frau Babetzki, was ist Ihnen wichtig zu KI-Wissenschaftsgeschichte und den Anwendungsbeispielen künstlicher Intelligenz zu kommunizieren? 

Babetzki: Erstmal natürlich den Inhalt. Die Videos müssen eine wissenschaftliche Basis haben. Auf TikTok ist es wichtig, dass die Themen spaßig oder spritzig rüberkommen, weil Nutzer*innen ansonsten schnell weiterswipen. An der Wissenschaftsgeschichte interessiert mich, dass man viel darüber lernt, woher künstliche Intelligenz kommt und dass es nichts krass Neues ist. Mit den Anwendungen will ich zeigen, wo KI schon im Alltag eingesetzt wird. Wir begegnen ihr täglich, wenn wir Spotify, Social-Media-Plattformen oder Google Maps nutzen. Mit dem BWKI halte ich auch Vorträge an Schulen. Oft kommt die Rückmeldung, dass nur ein Bruchteil der Schüler*innen weiß, dass sie täglich KI verwenden.

Wie gelingt es, ein komplexes technisches Thema mit Spaß umzusetzen? 
Babetzki:
Ich kam direkt aus der Schule zum BWKI und meine ersten Versuche wirkten noch sehr wie eine Präsentation. Bei TikTok soll es aber so aussehen, als drehe man sich einfach zu Freund*innen um und fängt an mit ihnen zu quatschen. Diese Mentalität versuche ich anzuwenden, damit es nicht zu technisch und etwas witzig wird.
Laube: Es ist eine Herausforderung relativ komplexe Themen unterhaltsam zu verpacken und »snackable« zu präsentieren. Aber das macht auch den Reiz des Ganzen aus und die Inhalte bestenfalls zugänglicher für junge Leute.

»Snackable content« erntet nicht selten die Kritik aus der Wissenschaftscommunity, dass er zu stark vereinfacht oder sogar verkürzt ist. Wie gehen Sie damit in Ihrem Projekt um?
Babetzki: Themen kurz darzustellen ist gerade die Kunst bei TikTok. Meistens sind meine Skripte viel zu lang. Ich muss sie immer ziemlich runterbrechen. Dabei versuche ich aber, das Wichtigste herauszufiltern. Gute Erklärungen müssen nicht immer super ausführlich sein.

Laube: Es ist wichtig, Leute überhaupt erst einmal an das Thema heranzuführen und sie zum Nachdenken anzuregen. Unser TikTok-Kanal soll am Ende ein kleines Lexikon mit stark informativem Charakter sein. Wenn man durchscrollt, kann man sich in Videos Begriffe wie »Dual Use« oder »Bias« von unseren Presenter*innen erklären lassen.


Kristina Laube ist gelernte Journalistin und als Wissenschaftskommunikatorin am Tübingen AI Center für eine junge Zielgruppe tätig. Zuvor war sie langjährig in Berlin als Redakteurin und Reporterin für den Auslandsrundfunk Deutsche Welle und das Arte-Wissensmagazin Xenius im Einsatz.

Mathilda Babetzki leistet ihren Bundesfreiwilligendienst beim Bundeswettbewerb für künstliche Intelligenz (BWKI). Sie erklärt Anwendungsbeispiele und die Wissenschaftsgeschichte von KI auf dem TikTok-Kanal »KI_kurzerklaert«.


Quelle: wissenschaftskommunikation.de, Autorin: Sina Metz