Statistik für den Werkzeugkasten: Was in der Schule gelehrt werden sollte

"Zahlen und Daten bestimmen nicht erst seit der Pandemie unser Leben. Um diese richtig zu deuten, braucht es mehr Grundwissen in Statistik. Ein Kommentar.
Statistiken, Umfragen und Studien – die auf riesigen Datensätzen beruhenden Erhebungen bestimmen zunehmend gesellschaftliche und politische Debatten, sind die Basis für Entscheidungen und Gesetze. Das ist in der Coronakrise noch einmal besonders deutlich geworden. 
Um den Menschen die Auswirkungen von Zahlen näher zu bringen, sitzen Statistiker und Modellierer in Talkshows und erklären. Doch Wissenschaftler sind keine Lehrer, und meist fehlt es am simplen Vokabular, an der nötigen Zeit und an den richtigen Rückfragen.

Nicht zu verstehen ist nur das eine Problem 
Auch deshalb werden Mechanismen wie das exponentielle Wachstum der Coronainfektionen bis heute oft nicht verstanden. Doch nicht zu verstehen ist hier nur das eine Problem – misszuverstehen meist das größere. Als am Anfang der vierten Welle die Krankenhäuser voll wurden, schwirrte eine Zahl durch die sozialen Netzwerke: 30 Prozent. So groß war der Anteil der Geimpften auf der Intensivstation. Für viele war das der Beweis: Die Impfung funktioniert nicht, sich impfen zu lassen ist also unnötig.

Obwohl man hier nicht von Fake News sprechen kann, zeigt sich, was ein fehlendes Verständnis von Statistiken auslösen kann: Was fehlte, um diese Prozentzahl richtig deuten zu können, war der Blick auf das Verhältnis von Geimpften zu Ungeimpften in der Bevölkerung. Wenn 70 von 100 Menschen geimpft sind und 30 nicht, auf einer Intensivstation mit zehn Betten aber sieben Ungeimpfte liegen und nur drei Geimpfte, erkennt man, dass die Impfung genau das tut, was sie verspricht: schwere Erkrankungen verhindern. 

Es braucht Grundlagen der Statistik für den kritischen Umgang mit Medien 
Daher sollte ein Grundwissen in Statistik heute zu jedem persönlichen Werkzeugkasten im Umgang mit Medien gehören. Doch woher nehmen? In dem Schulfach Mathematik werden erste Grundlagen gelegt, doch meist lernen Schüler diese nur an abstrakten Graphen kennen und der Bezug zu lebensnahen Situationen fehlt.

Das schon oft geforderte Fach Medienkompetenz dagegen hätte Platz für eine nähere Betrachtung der Mechanismen hinter den Statistiken und würde mit diesem Extra auch eine noch größere Daseinsberechtigung haben. Stoff gäbe es genug: nicht nur das Verständnis für soziale Medien, sondern auch alltagsnahe Studien, Umfragen und Statistiken. Schüler würden verstehen, wie man Daten erhebt, wie diese dargestellt werden, wie man sie lesen muss, wie man sie manipulieren kann.

Um als mündige Bürger in eine Welt voller Daten ausziehen zu können, müssen schon Schüler den Umgang mit Statistiken lernen. Nur so können sie das Bewusstsein dafür entwickeln, dass diese manipulierbar sind und zu Fehlannahmen verführen können – und das manchmal auch sollen."

Quelle: DER TAGESSPIEGEL, Autor: Marc Tawadrous