Schulen in der Corona-Krise: "Für die Kinder in unserem Land wird gute Bildung zum Lotteriespiel"

"Kommen in der Pandemie die Rechte von Kindern zu kurz? Ja, sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Kern seiner Kritik: Die Kultusminister handelten kurzsichtig. 

SPIEGEL: Herr Hilgers, das neue Schuljahr hat in vielen Bundesländern mit Unterricht im Klassenverband begonnen. Sind Sie zufrieden?
Heinz Hilgers: Ich mache mir große Sorgen, dass der weitgehend normale Unterricht nicht von Dauer ist, sondern erneute Schulschließungen drohen. Erste Schulen haben wegen Corona-Fällen schon wieder zugemacht. Das mag im Einzelfall angemessen sein, aber mein Eindruck ist: Das erfolgt nicht nach einheitlichen Kriterien.

SPIEGEL: Die Situation ist ja auch in jeder Schule anders. Und die zuständigen Behörden vor Ort argumentieren mit dem Infektionsschutz.
Hilgers: Wir müssen uns aber klarmachen, welche gravierenden Folgen Schulschließungen für Kinder und Jugendliche haben. Lernfortschritte und Bildung hängen ganz wesentlich von sozialer Interaktion ab - und deren Wegbrechen kann durch digitales Lernen nicht vollständig ausgeglichen werden. Ich habe insgesamt den Eindruck, dass in Deutschland bei Kindern fast mehr Infektionsschutz betrieben wird als bei Erwachsenen. Heinz Hilgers war SPD-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen und Bürgermeister von Dormagen. Seit 1993 ist er Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes.

SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?
Hilgers: In der Coronakrise war schon früh zu beobachten, dass die ersten Fitness- und Nagelstudios aufmachten, ehe sich in den Schulen und Kitas etwas tat. Die Rechte von Kindern auf Bildung, auf Spielen, auf Freundschaft, auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit und auf Schutz - weil soziale Kontrolle ein wichtiger Schutz für Kinder ist - alle diese Rechte werden bis heute sehr viel mehr eingeschränkt als zum Beispiel das Recht auf Gewerbefreiheit. Oder sogar das Recht auf Feiern.

SPIEGEL: Sie sprechen den Kinderschutz an. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP zu häuslicher Gewalt während des Shutdowns heißt es: Es hätten sich deutlich mehr Menschen an Hilfs- und Sorgentelefone gewandt, aber es habe nicht vermehrt Meldungen über Gewalt gegen Kinder gegeben. Was haben Sie beobachtet?
Hilgers: Uns hat die Zeit der Schul-, Kita- und Spielplatzschließungen in der Tat sehr besorgt. Welche Auswirkungen das Zusammenleben auf engem Raum bei gleichzeitigem Wegfall von sozialen Frühwarnsystemen tatsächlich hatte, werden wir erst in ein paar Monaten bei Vorliegen der polizeilichen Kriminalstatistik und der Gefährdungsmeldungsstatistik der Jugendämter aus diesem Jahr wissen. Verlässliche Zahlen dazu liegen uns deshalb bislang nicht vor..."

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