Mein digitales Leben: "Schanghai war vor zehn Jahren weiter als wir jetzt"

Nicht erst in der Pandemie zeigt sich, dass es große Unterschiede bei der Digitalisierung zwischen Deutschland und anderen Ländern gibt. Die Studentin Sharon Gehles berichtet von ihren Erfahrungen in Südkorea und Schanghai. 

Welche digitalen Techniken nutzen Sie regelmäßig? 
Laptop und mein Handy sind die zwei wichtigsten Dinge. 

Setzen Sie sich bewusst Zeiten, in denen Sie Ihr Handy mal zur Seite legen? 
Ja, das versuche ich recht oft. Da lasse ich dann das Handy zu Hause. Man ist schon sehr gebunden ans Handy, nimmt es überall mit hin. Ich sage mir dann, dass ich die Nachrichten auch später noch lesen kann. Früher, als ich jünger war, gab es noch gar keine Handys. Da konnte man einander auch nicht durchgehend erreichen. 

Haben Sie Beispiele, wo es Ihnen schwerfällt, auf Ihr Handy zu verzichten? 
Wenn ich irgendwas mit Freunden oder Familie unternehme, dann fehlt mir das Handy eigentlich gar nicht. Aber wenn ich zum Beispiel im Zimmer sitze und nichts mache, dann merke ich schon: »Oh, jetzt könnte ich eigentlich mal auf Youtube gehen.« 

Inwiefern finden Sie digitale Kommunikationsmedien nützlich? 
Man kann sich durchgehend mit Leuten unterhalten und andere erreichen, wenn etwas Wichtiges ist. Ich habe viele Freunde im Ausland, da ist es cool, einfach so in Kontakt zu bleiben. Man muss nicht Briefe schreiben und fünf Wochen warten, bis die Post hier ist. Auch Apps finde ich nützlich, etwa jetzt in Corona-Zeiten die Luca-App, mit der es so viel einfacher ist einzuchecken, oder die App CovPass, bei der man nicht immer seinen Impfausweis und Personalausweis mitnehmen muss. 

Gibt es Lebensbereiche, von denen Sie sagen, da sollte keine Digitaltechnik genutzt werden? 
Gar keine Technik? Puh, spontan fällt mir da nichts ein. Ich habe schon das Gefühl, dass Technik das Leben verbessert. Aber es ist schon interessant, wie sehr man an die Techniken gebunden ist. Ich weiß noch, als ich fünf Jahre alt war, da hat mein Papa eine Landkarte aufgeschlagen und gesagt: »Okay, wir müssen jetzt die A 3 und dann die A 5 entlangfahren.« Als ich letztens nach Frankfurt gefahren bin, wäre ich ohne mein Handy wahrscheinlich nicht hingekommen. Aber das Ding ist: Man muss es auch nicht können, denn man hat ja das Handy. 

Sie haben im Alter von 16 bis 19 Jahren in Schanghai gelebt. Wenn Sie vergleichen: Wie war denn damals der Technikstand verglichen mit Deutschland, etwa bei der Handynutzung? 
Ich muss sagen, vor zehn Jahren war Schanghai schon weiter, als wir jetzt sind. Damals konnte man schon in Schanghai mit dem Handy bezahlen, das fängt ja erst langsam hier in Deutschland an, ist noch nicht richtig verbreitet. Man hatte in Schanghai so etwas Ähnliches wie Whatsapp, mit QR-Code, damit konnte man bezahlen, auch an kleinsten Kiosken. Bettler hatten nicht wie bei uns eine Tasse dastehen, sondern man konnte ihnen über einen QR-Code Geld spenden. Die britische Schule in Schanghai, auf der ich war, hatte Smartboards, jeder hatte einen Laptop – die war komplett Hightech. In Deutschland war ich in einer Schule in Schweinfurt gewesen, da hatten wir noch Schwamm, Kreide und eine ganz normale Tafel. Das war für mich ein sehr großer Unterschied. Auch die Haushaltsgeräte – Waschmaschinen etwa – haben damals schon gesprochen. Jetzt gibt es hier zwar Alexa und Co, aber das kam ja auch erst vor ein paar Jahren.

Mein Eindruck ist, dass die Leute in Deutschland immer sehr vorsichtig sind und generell ein bisschen misstrauisch, wenn was Neues kommt. Das habe ich auch gemerkt, als ich jüngst mein Praktikum gemacht habe im Bereich Künstlicher Intelligenz: Wie wenig die Menschen eigentlich von KI wissen, obwohl es eigentlich schon so weit verbreitet ist auf dem Markt. In Asien habe ich festgestellt, dass die Leute immer auf dem neuesten Stand sind. Denen macht es auch nichts aus, irgendwas Neues auszuprobieren. In Südkorea ist der Datenschutz nicht so streng wie in Deutschland. Klar, man hat schon Datenschutz da, aber die Koreaner versuchen, eher die Vorteile zu sehen. 

Haben Sie noch weitere Beispiele für Unterschiede in der Techniknutzung? 
2007 war ich das erste Mal in Südkorea. Da ist mir aufgefallen, dass fast alle Wohnungen und Häuser gar keine Schlüssel mehr hatten, sondern man hat ein Passwort – wie beim Handy. Das gibt man ein, und dann wird einem aufgemacht. Man braucht gar keinen Schlüssel mehr, bei manchen war der Schließmechanismus auch an den Fingerabdruck gebunden. Das ganze Hin und Her fällt weg, wenn man nur zwei Schlüssel hat, die man sich aufteilen muss. Das könnte aber natürlich auch gefährlich werden. 

Was finden Sie wichtig im Umgang mit Digitaltechniken? Worauf kommt es an? 
Gerade wenn Kinder Digitaltechnologien nutzen, ist es wichtig, dass die Eltern mehr wissen als das Kind, sonst könnte das Kind vieles umgehen. Wenn man Technik nutzen will, muss man sich intensiv damit auseinandersetzen, vielleicht auch Kurse besuchen. Ich kenne genug Menschen, die immer noch kein Smartphone haben, weil sie nicht wissen, wie sie es nutzen können, obwohl sie es gerne nutzen würden. Ich denke, dass es für die Menschen, die lange Zeit ohne Smartphone gelebt haben, ein bisschen einfacher ist, darauf zu verzichten, als für Menschen, die damit aufgewachsen sind. Vielleicht denken sie: »Ich konnte vorher auch gut leben, warum soll ich es nutzen?« Aber ohne Smartphone ist das Leben sicherlich zeitaufwendiger. Ich kenne Leute, die gehen noch zum Bahnschalter und buchen ihre Tickets dort, weil sie nicht wissen, wie es online geht. Dafür müssen sie viel Zeit aufwenden: da hinfahren, einen Parkplatz suchen, sich anstellen, dann das Ticket kaufen und wieder nach Hause fahren. Für diese Menschen hat sich vermutlich nichts großartig geändert. Sie wissen vielleicht gar nicht, wie einfach das Leben sein kann, indem man sich etwa ein Ticket schnell online kauft. 

Sie beschreiben die Vorzüge von Technik, etwa dass man schneller und bequemer etwas erledigen kann. Sehen Sie auch Nachteile, die die Digitalisierung mit sich bringt? 
Ich denke, dass man generell sehr abhängig sein kann von Technologie. Zum Beispiel, wenn ein Stromausfall ist. Das hatten wir auch mal in der Schule mit den Smartboards: Wenn die Technologie nicht funktioniert oder versagt, dann stehen die meisten da und wissen gar nicht, was sie machen können. Man verlässt sich einfach darauf, dass Technik immer funktioniert, und hat zum Beispiel gar keine Kerzen mehr auf Vorrat. Meine Oma hat das immer noch gemacht, weil es anscheinend damals mehr Stromausfälle gab. Jetzt ist es so selten, dass wir gar nicht richtig dran denken.

Quelle: FAZ.NET, Autorin: Uta Bittner