Medizinstudium und Distance Learning – wie funktioniert das?

"Wir haben uns gefragt, wie Online-Lehre und ein so praxisorientiertes Studium wie das Medizinstudium miteinander vereinbar sind. Drei Medizinstudent_innen aus Graz haben uns von ihren Erfahrungen berichtet. 
Bereits seit gut einem Jahr ist die Online-Lehre fixer Bestandteil im Leben von Student_innen weltweit. Dies brachte unweigerlich zahlreiche Probleme mit sich, denn wirklich vorbereitet waren die Universitäten und Hochschulen nicht auf diese Ausnahmesituation. Speziell in Studien, die sehr viel Praxis beinhalten, wie beispielsweise das Medizinstudium, bedingte die neue Situation ein gewisses Improvisationstalent und gute Organisation seitens der Unis und Lehrbeauftragten. Wir haben drei Student_innen der Med Uni Graz gefragt, ob das gelungen ist. 

Wie geht es dir persönlich mit dem Distance Learning? Hast du das Gefühl gut durch deine Professoren betreut zu sein? 
Distance Learning ist nicht die optimalste aller Lehrmethoden, wenngleich auch sie einige Vorteile bietet: Eine Lehrveranstaltung, die um 8 Uhr beginnt, kann vom Bett aus »besucht« werden. Durch das Abstellen der Kamera erfolgt eine angenehme Form der Anonymität. Die Professoren haben in meinen Augen das Beste aus der Situation gemacht. Sie haben versucht, Studenten miteinzubeziehen, jegliche Fragen wurden beantwortet. Viele Professoren haben die LV’s bestmöglichst interdisziplinär gestaltet. Insgesamt fand ich einige Aspekte am Distance Learning gar nicht so schlecht.
(L. 25 Jahre, aus Leoben) 

Haben die Online-Lehre und die Einschränkungen aufgrund der Pandemie deinen Studienfortschritt eingebremst? 
Mein Studienfortschritt wurde leider eingebremst. Ich hatte letzten April zwei wichtige Studienabschnittsprüfungen, die normalerweise für April und Juli angesagt waren. Der April-Termin wurde durch COVID abgesagt. Der Ersatztermin war dann Mitte Mai und wurde uns zwei Wochen vorher mitgeteilt. Da war natürlich alles schon zu spät, weil man lernt für die Prüfung mindestens vier Wochen. Also hat sich alles verschoben für mich und ich konnte erst verspätet im Dezember in den nächsten Studienabschnitt aufsteigen. Am Anfang war die Meduni sehr unorganisiert und es gab lange Zeitperioden, wo man nicht wusste, wie es weiter geht. Aber ich glaube, dass das auf der TU/KFU ähnlich war.
(S. 23 Jahre, aus Graz ) 

Werden Kurse teilweise nicht angeboten? Wie sieht es mit der Praxis aus? 
Die derzeitigen Kursangebote sind ganz variabel. Ich habe von Studienkollegen gehört, dass zum Beispiel in der Chirurgie, ein sehr praxisbezogenes Modul, alle Seminare online sind und man das Nähen im OP online lernt. Das kann ich mir nicht ganz vorstellen. Und bei Pathologie hat man normalerweise im Patho-Semester pro Woche eine Obduktion an frischen Leichen. Das findet nicht statt und ist durch eine gefilmte Obduktion ersetzt worden. Bei Pharmakologie wurden Seminare durch Arbeitsblätter ersetzt.
(S. 23 Jahre, aus Graz)

Viele der geplanten Praxis-LV’s werden derzeit bzw. seit Beginn der Pandemie nicht abgehalten, was besonders schade ist, weil es auch keine Möglichkeit gibt, diese nachzuholen und man bestimmte Dinge einfach praktisch üben/sehen/durchführen muss, um sie zu erlernen.
(M. 24 Jahre, aus Graz) 

Entsteht durch Distance Learning ein höherer Arbeitsaufwand? 
Meiner Meinung nach entsteht mehr Arbeitsaufwand durch das Distance Learning. Einige Übungen erfordern die Benutzung anspruchsvoller Computerprogramme, was sich im Selbststudium als nicht so einfach und außerdem sehr zeitaufwendig herausgestellt hat. Ebenso sind statt Seminaren schriftliche Arbeiten als Ersatzleistung abzugeben, was wirklich deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, als z. B. 45 Minuten in Präsenz zu verbringen.
(M. 24 Jahre, aus Graz)

Das kann ich nicht unterstreichen. Insgesamt ist es mir bei einer einzigen LV passiert, dass der Arbeitsaufwand durch Ersatzleistungen etwas größer wurde. Meistens war der Arbeitsaufwand geringer, zumal auch noch das »Auf-die-Uni-fahren-und sich-dafür-frisch-machen« wegfiel, ein weiterer zeitsparender Faktor.
(L. 25 Jahre, aus Leoben) 

Was fehlt dir am meisten? 
Am meisten fehlt mir der soziale Kontakt mit meinen Studienkolleg_innen auf der Uni und das Gefühl, an sich etwas zu studieren, verschiedene fachliche Inputs zu bekommen, Gespräche/Diskussionen mit Lehrenden und Mitstudierenden zu führen.
(M. 24 Jahre, aus Graz)

Den Kontakt zu meinen Uni-Kollegen und das »auf die BIB gehen«. Zuhause lernen geht mittlerweile ganz gut aber kann man nicht mit einem produktiven BIBTag vergleichen.
(S. 23 Jahre, aus Graz) ..."

Zum Artikel der Kleinen Zeitung.at.