Ein Jahr Schockstarre – auf Kosten der Schüler

"Die Pandemie führte zu enormen sozialen und wirtschaftlichen Schäden in den Schulen. Aber selbst Corona schafft es bisher nicht, das Klassenzimmer zu digitalisieren. 
Ökonom Hanno Lorenz fragt sich in seinem Gastkommentar, warum es bei der Digitalisierung des Unterrichts in Österreich nicht weitergeht, und schreibt, was andere Länder besser machen.
Vor gut einem Jahr mussten Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und Eltern über Nacht mit einer neuen Form des Unterrichts zurechtkommen. Das Distance-Learning wurde verkündet, um der Ausbreitung des Virus zu begegnen. Schnell war klar, dass dies in Österreich nicht ganz leicht werden würde. Auch wenn Parteibücher und Regierungsprogramme seit Jahren von digitalen Masterplänen erzählen, ist im Klassenzimmer davon nichts zu sehen. Während vergleichbare Länder ihre Bildungssysteme längst an die neue Zeit angepasst haben, sieht man die Digitalisierung hierzulande weiter skeptisch. Was folgte, war eine überaus lehrreiche Zeit – für die Schülerinnen und Schüler wie für die Eltern. Letztere mussten Lehrkräfte spielen, nebenbei arbeiten und obendrein noch den Haushalt schupfen.

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Insbesondere jene, die unermüdlich den Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern suchten, dilettierenden Eltern unterstützend zur Hand gingen und über Skype, Zoom, Teams und Co zu unterrichten versuchten. Aber auch jene, die angeblich keinen Computer zu Hause haben und seit Wochen verschollen waren. Womit sich einmal mehr zeigte: Ob Schülerinnen und Schüler im Wohlfahrtsstaat Österreich eine gute Bildung erhalten, ist eine Frage des Glücks.

Frage des Glücks 
Nach einer ersten Schockstarre präsentierte das Bildungsministerium dann kurz vor Beginn des Schuljahres im Herbst 2020 einen Acht-Punkte-Plan zur Digitalisierung der Schulen. Digitale Lehrmaterialien sollten bereitgestellt werden, Lehrkräfte mittels Videoschulung besser vorbereitet werden und Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden. Letztere zwar nicht sofort, aber doch in der Zukunft. Mit 250 Millionen Euro sollte die Schule aus der Kreidezeit geholt werden.

Böse Zungen meinten, dass das vielleicht schon am Anfang der Sommerferien und nicht erst am Ende angegangen werden sollte. Aber letztlich waren alle froh, dass nun endlich Hand angelegt wird, um das Problem zu lösen. Im November kam es dann, wie es kommen musste. Die Infektionszahlen stiegen stark an, die Republik wurde in den Winterschlaf geschickt und mit ihr auch der Unterricht. Einige Schulen hatten sich gut vorbereitet, Lehrkräfte waren keine digitalen Anfänger mehr. Aber gut lief es weiterhin nur dort, wo Eigeninitiative vorhanden war. Ein angemessener Ersatz für den Unterricht in der Klasse wurde weder im zweiten noch im dritten Lockdown erreicht und schon gar nicht flächendeckend.

»Es braucht nicht nur Überschriften, sondern ausgereifte Konzepte.«
Fragt man Lehrkräfte, was sich seit dem Acht-Punkte-Plan verbessert hat, schaut man in leere Gesichter. Der Plan ist schlicht unbekannt. Die Kommunikation mit den Schulen und Lehrkräften dürfte minimal sein. Die Schulleitung erfährt aus den Medien, ob der Unterricht in Klassenräumen, im Schichtbetrieb oder im Homeschooling erfolgt.

Erst kürzlich überraschte man die Lehrkräfte damit, parallel Distanzlehre und Betreuung leisten zu müssen. Dieses Vorhaben wird in vielen Fällen allein schon daran scheitern, dass es an den Schulen an Bandbreite sowie den Geräten mangelt. Während viele Schülerinnen und Schüler über Endgeräte verfügen, fehlt es Lehrkräften an selbigen. Während viele Schülerinnen und Schüler zu Hause bequem im Internet surfen, fehlt es in den Schulen eines der reichsten Länder der Welt an den nötigen Bandbreiten. Was hat das Bildungsministerium in den vergangenen zwölf Monaten daran gehindert, für schnelleres Internet an den Schulen zu sorgen?..."

Zum Gastkommentar auf DER STANDARD.de.