"Ich wünsche unseren Kindern viel mehr als Tablets"

Dank des Digitalpaktes fließen 137 Millionen in die digitale Ausstattung der saarländischen Schulen - die Hälfte steuert das Haushaltsnotlageland Saarland selbst bei. Und einmal ist das Saarland nicht Schlusslicht, sondern Vorreiter. Aber kann die Digitalisierung allein unser Bildungssystem retten? Ein Kommentar von Eva Lippold.
Hurra, unsere Kinder werden flächendeckend mit Tablets und Whiteboards versorgt. Und alle sind sich irgendwie einig, dass es jetzt in erster Linie digitale Bildung braucht, um unsere Schulen noch zu retten. Digitalisierung klingt‘s auf allen Kanälen. Sogar gerne noch in einem Atemzug genannt mit Nachhaltigkeit –... hallo?!?

Die Tablets sind da, die Konzepte fehlen
Nun sind die Tablets ja zum Teil schon geliefert, liegen in Schubladen, haben leere Akkus, verstopfen Klassenzimmer, müssen in spätestens fünf Jahren wieder ausgetauscht werden gegen Neue. Und vor allem haben die wenigsten Lehrer ein tolles Konzept an der Hand, wie diese nun ihren Unterricht noch bereichern sollen. Denn dieses Konzept wurde nicht mitgeliefert. 

Aber nicht so schlimm. Die Sechstklässler wissen sowieso oft besser, die Tablets zu bedienen, als ihre Lehrer. Was uns auch nicht wundert, klagen wir doch ständig darüber, dass sie zu viel Zeit am Tablet verbringen, die analoge Welt kaum noch erkunden. 

Tablets - allenfalls Mittel zum Zweck
Eigentlich schade, denn alle Studien zeigen, dass der Lerneffekt am Computer nur mäßig ist. Dass es, wenn wir mit der Hand auf Papier schreiben, besser ist fürs Gehirn - und unsere intellektuelle Leistung insgesamt.

Tablets sind allenfalls Mittel zum Zweck, auf keinen Fall Selbstzweck. Und vor allem: Sie können uns über die vielen Bildungsbaustellen im Land nicht hinwegtrösten. Über den Lehrkräftemangel, die zu großen Klassen, die überforderten Lehrer, die fehlenden Inklusionskräfte…  Und da, Digitalisierung hin oder her, hat sich seit Jahrzehnten kaum was getan.

Immer noch herrscht Mangel, Lehrer sind hoffnungslos überlastet, hört man an den Schulen. Ein Konzept, wie Lehrer-Nachwuchs im Grund- und speziell Förderschulbereich gefunden werden soll: Fehlanzeige.

Okay, die Klassengröße wird jetzt reduziert. Trotzdem gibt es immer noch Klassen, in denen 27 Kinder hocken. Oft mit psychosozialen Problemen, oft mit gravierenden Konzentrationsdefiziten, oft mit unzureichenden Deutschkenntnissen. Und angesichts der politischen Lage in Europa werden diese Probleme in der nächsten Zeit wohl eher nicht kleiner.

Ich wünsche unseren Kindern viel mehr als Tablets
Ich wünsche unseren Kindern viel mehr als Tablets. Ich wünsche ihnen zuallererst viele gutausgebildete und ungestresste Lehrer, die ihnen einen kritischen Umgang mit den Medien vermitteln, die sie in ihrer Freizeit schon zur Genüge konsumieren.

Lehrer, die Luft und Raum haben, jedem gerecht zu werden und ihren Unterricht so zu gestalten, dass er Freude macht und Neugierde weckt. Denn für gutes Lernen - zeigen Studien - sind motivierte Lehrkräfte und strukturiertes Lehrerhandeln viel wichtiger als eine mäßig lustige Lernapp.

Kinder brauchen Zeit, Aufmerksamkeit und Austausch
Corona hat Grenzen der Digitalisierung aufgezeigt: Was Kinder wirklich brauchen sind Zeit, Aufmerksamkeit und Austausch. Schule ist vor allem ein Ort der Begegnung – außerhalb der Familie - an dem Kinder soziales Miteinander und Demokratie lernen. Und das geht nur mit Woman- und Manpower. 

Es ist höchste Zeit, dass die Politik überhaupt die Grundlage schafft, dass unsere Kinder in dieser digitalisierten, globalisierten, komplexen und nicht besonders nachhaltigen Welt, die sie sich wohlgemerkt nicht ausgesucht haben, bestehen können. 

Quelle: SR3, Autorin: Eva Lippold