Frankfurts Stadtschülersprecher: "Bei der Ausstattung der Schulen sind wir noch im 20. Jahrhundert"

"Frankfurts Stadtschülersprecher Hannes Kaulfersch fordert Tempo beim Digitalisierungs-Ausbau und kritisiert Versäumnisse während der Corona-Pandemie.
Hannes Kaulfersch, 18 Jahre alt, ist Frankfurts neuer Stadtschülersprecher. Unsere Redakteurin Julia Lorenz hat mit ihm über die Situation in den Schulen angesichts der rasant steigenden Zahl der Corona-Neuinfektionen gesprochen, über das Mitspracherecht der Jugendlichen im Stadtparlament, fehlendes WLAN und siffige Toiletten. 

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt in Frankfurt rasant, wie überall im Land. In Frankfurt gilt seit vergangener Woche wieder die Maskenpflicht im Unterricht. Zudem testen sich die Schüler dreimal pro Woche. Wie sicher fühlen Sie sich derzeit in der Schule? 
Mit den drei Testungen und der Maskenpflicht fühlt man sich zumindest sicherer als vorher. Zusätzlich lassen sich mehr und mehr Schüler impfen. Es ist aber schade, dass die Bereitschaft der Stadt, doch Luftfilter flächendeckend für die Klassenräume anzuschaffen, sehr spät kam. Die werden uns im Winter fehlen. Bis sie aufgestellt sind, ist es 2022. 

Gibt es weitere Maßnahmen, die Sie sich für den Infektionsschutz in Schulen erhofft hätten? 
Ja. Ich würde mir wünschen, dass nicht nur die infizierte Person in einer Klasse in Quarantäne muss, so wie es jetzt die Praxis ist, sondern auch vorsichtshalber seine Sitznachbarn beziehungsweise engsten Kontaktpersonen. 

Warum? 
Die Delta-Variante ist hoch ansteckend. So kann es schnell passieren, dass es zu weiteren Übertragungen kommt. Im privaten Bereich werden die Kontaktpersonen eines Infizierten auch sicherheitshalber in Quarantäne geschickt. 

Es sei denn, man ist geimpft. 
Richtig, es sind aber noch nicht sehr viele Jugendliche geimpft. Deshalb werben wir mit der Stadt zusammen fürs Impfen. Das ist ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor, den wir jetzt brauchen. 

Sind Sie denn geimpft? 
Ja. Und der Großteil meines Freundeskreises auch. Das ist auch gut so. Gerade bei den älteren Schülern erkennen wir eine Impfbereitschaft. Aber man kann sicherlich noch mehr motivieren. 

Habt ihr denn Angst vor erneuten Schulschließungen angesichts der derzeitigen Infektionslage? 
Ich hoffe, dass das nicht passiert. Dafür müssen aber auch die entsprechenden Maßnahmen getätigt werden. Mit den Tests, den Masken und Impfungen sind wir aber relativ gut aufgestellt. 

Wechseln wir mal das Thema. Abgesehen von Corona: Was beschäftigt Frankfurts Schüler derzeit noch? 
Da gibt es einige Themen. Für viele ist Klima- und Umweltschutz sehr wichtig. An den Schulen ist da aber noch viel Luft nach oben. 

Können Sie ein Beispiel nennen? 
Die allerwenigsten Frankfurter Schulen haben drei Mülleimer in den Klassen- und Aufenthaltsräumen stehen. Das heißt: Der Müll von knapp 100 000 Schülern sowie den Lehrkräften wird zum allergrößten Teil nicht getrennt. Und in den Schulen kommt wirklich viel Müll zusammen. Deshalb setzen wir uns jetzt dafür ein, in den Räumen drei Mülleimer aufzustellen. Das wäre ein sehr konkreter und einfacher Schritt mit jedoch großer Auswirkung. 

Gibt es weitere Baustellen? 
Viele sogar. Eine große Baustelle sind die Schulsanierungen sowie der Schulneubau. Das schreitet alles sehr langsam voran, was einerseits am Personalmangel in der Stadtverwaltung, andererseits aber auch an zu wenigen freien Flächen liegt. Die neue Römer-Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt hat das Bildungs- und das Baudezernat zusammengelegt, um Synergien zu schaffen. Das klingt erst mal vielversprechend. 

Das klingt nach einem Aber? 
Durch den Anspruch der neuen Koalition, keine Flächen für städtische Baumaßnahmen zu versiegeln, wird der Schulbau blockiert. Ich habe das Gefühl, dass selbst das Bildungsdezernat nicht richtig weiß, wie damit in der konkreten Umsetzung genug Schulen gebaut werden sollen. Das sieht man beispielhaft am Gymnasium Ost, das an den Günthersburghöfen entstehen sollte. Die Schule steht jetzt auf der Kippe, weil sie dort nicht gebaut werden soll. Jetzt muss das Planungsverfahren neu aufgerollt und ein neues Grundstück gefunden werden. Das verschiebt ein wichtiges Schulbauprojekt um Jahre. Es werden aber gerade im Nordend dringend neue Schulplätze gebraucht. 

Was wäre stattdessen Ihr Vorschlag? 
Man könnte Schulen verstärkt ökologisch bauen. Man kann die Dächer begrünen, Solaranlagen installieren, einen Schulgarten anlegen und die Schüler für Umwelt sensibilisieren. Man muss auch nicht den ganzen Schulhof zubetonieren, so wie man das früher immer gemacht hat. Auf diese Weise kann man Schulprojekte gut in Einklang bringen mit dem Ökologiegedanken. 

Anders wird man dem Schüleransturm auch nicht gerecht werden. 
Eben. Wenn wir wichtige Schulbauprojekte hintenanstellen, landen wir spätestens in 15 Jahren in einer großen Krise, weil es nicht genug Schulplätze geben wird, um den Bedarf zu decken. Es braucht also ein Umdenken in der Planungs- und Schulbaupolitik. 

Neben den fehlenden Schulen gibt es auch immer noch nicht in allen 165 Frankfurter Schulen WLAN. 
Das ist wirklich traurig. Das Versprechen, dass bis Ende dieses Jahres 100 Schulen ausgestattet sind, wird nicht eingehalten werden. Seit Jahren warten wir darauf. Und jetzt gibt es Lieferschwierigkeiten bei der Hardware. Wir brauchen in der Sache aber wirklich Tempo ..."

Zum Interview auf Frankfurter Neue Presse.de.