Digitale Bildung: Warum iPads an deutschen Schulen so weit verbreitet sind

Apples iPads sind als Lehrmittel in Schulen häufig anzutreffen. Doch woran liegt das? Welche Vorteile bieten sie für die Lehre? Und welche Nachteile gibt es?
Wenn in Onlinediskussionen rund um digitale Bildung von Tablet-Klassen die Rede ist, stecken dahinter in den allermeisten Fällen Ausstattungen mit iPads von Apple. Diese Entwicklung wird nicht unkritisch gesehen: Immerhin ist Apple ein umsatzstarker Konzern mit klaren Verkaufs- und Marketinginteressen für seine Produkte und – vielleicht entscheidender – Bedienkonzepten für digitale Technik. Wenn Kinder und Jugendliche bereits in frühen Jahren an Apple-Geräte gewöhnt sind, werden sie möglicherweise zukünftig auch Geräte von Apple bevorzugen – so die Argumentation.

Eine ähnliche Strategie verfolgt Microsoft bereits seit Jahrzehnten mit verbilligten Softwarelizenzen für Office und Windows im Bildungsbereich und konnte in der Pandemie bei vielen recht hilflosen Schulen mit der komplett kostenlosen A1-Variante von Office 365 punkten. Der Erfolg bleibt nicht aus: Zeitgemäße Schulbildung ohne Microsoft-Produkte erscheint vielen Lehrkräften undenkbar zu sein – vor allem an Berufsschulen.

Ein Blick auf die Anforderungen in der beruflichen Bildung scheint ihnen recht zu geben. Im kaufmännischen Bereich sind Office-Produkte durchaus zumindest versteckter Bestandteil von IHK-Prüfungen. Auch wenn die Prüfungen selbst produktneutral gestaltet sind, liegt beigefügtes Material oft in Microsoft-Formaten vor. Microsoft Office ist damit zum Quasi-Standard innerhalb der Bürokommunikation geworden – und nicht nur da, wie jeder selbst in der Kommunikation mit öffentlichen Stellen feststellen kann.

Mögliche Apple-Dominanz an Schulen 
Strukturell befürchten Kritiker und Kritikerinnen von iPad-Klassen ähnliche Entwicklungen – nur in Bezug auf Apple-Produkte. Die Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern nehmen gelegentlich ideologisch anmutende Züge an. Dabei werden unter anderem Datenschutz und Vergaberecht bemüht, um letztlich »nur« sehr unterschiedliche Vorstellungen von »digitaler Bildung« gegeneinander in Stellung zu bringen. Was sind diese Vorstellungen?

Aus einer informatischen Perspektive geht es beim Einsatz von digitaler Technik in der Schule um die Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses für digitale Prozesse. Dazu zwei Beispiele unterschiedlicher Tragweite:

Wer die grundlegenden Funktionsweisen von Netzwerken nicht kennt, wird einen Ausfall des WLANs nicht von dem Ausfall einer Internetverbindung unterscheiden können und damit im Fehlerfall keine Lösungsansätze haben. 

Wer nicht zumindest schematisch weiß, was Datenbanken leisten, wird es später schwer haben, mögliche Auswirkungen der Kombination von Datensammlungen abzuschätzen – etwa bei Fusionen von Digitalkonzernen. So konnte Facebook um 2014 die EU-Kommission glaubhaft davon überzeugen, dass eine Kombination der Daten des damals noch eigenständigen WhatsApp-Messengers mit den Daten des späteren Mutterkonzerns Facebook »technisch nicht möglich« wäre. Als sich 2017 herausstellte, dass das nicht der Wahrheit entsprach, wurde das formale Problem durch eine Strafzahlung erledigt – die Daten der Nutzerinnen und Nutzer waren gleichwohl bereits kombiniert und der Schaden für die Verbraucherinnen und Verbraucher eingetreten.

Blackbox iPad mit einfacher Verwaltung 
Aus einer informatischen Perspektive sind iPads in vielerlei Hinsicht eine Art von Blackbox: Sie sind schon auf Dateisystemebene nicht ohne Aufwand intervenier- oder untersuchbar. Man kann über beispielsweise Webanwendungen oder einfache Programmierumgebungen durchaus informatische Inhalte mithilfe von iPads unterrichten. Das iPad selbst bleibt ein geschlossenes System. Das Betriebssystem definiert seine Schnittstellen und gibt die Möglichkeiten der Interoperabilität mit anderen Systemen vor. Das funktioniert innerhalb des Apple-Kosmos am allerbesten. Für einen Informatiker ist das iPad damit aber ein eingeschränktes Gerät aufgrund seiner Geschlossenheit.

Aus einer Schulverwaltungsperspektive ist das iPad dagegen ein Geschenk: Die Geräte sind über Mobile Device Managementsysteme (MDM) sehr genau und granular konfigurierbar. In der Klassenarbeit soll nur eine einzige App ohne Zusatzmaterial zur Verfügung stehen? Kein Problem, das sind für den Administrator oder die Administratorin nur wenige Klicks im MDM. Es existieren sogar für einige MDMs einfach zu bedienende Apps, mit denen die Lehrkraft selbst die Geräte in einen rechtssicheren Prüfungsmodus versetzen, das Internet sperren oder sogar Dateien bereitstellen kann. Diese Einschränkungen überleben selbst einen kompletten Neustart des Gerätes.

Den Schülerinnen und Schülern bleibt nur die Möglichkeit, ein zweites privates iPad mitzuführen, um sich während einer Klausur einen Vorteil zu verschaffen. Die umfangreichen Steuerungsmöglichkeiten vermitteln gerade unsicheren Lehrkräften oft ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit. Darüber kann man lächeln, aber oft genug braucht man solche Funktionen, um den Übergang zu anderen Lernformaten überhaupt erst zu ermöglichen.

Apps für den Unterricht 
Als Alleinstellungsmerkmal bietet Apple über eine eigene Plattform den Apple School Manager (ASM) in Kooperation mit vielen App-Anbietern den zentralen, teilweise sehr stark vergünstigten Einkauf von nicht nur pädagogisch einsetzbaren Apps und Inhalten an. Einige Apps, etwa die Notiz-Apps Notability und GoodNotes gibt es für Bildungseinrichtungen sogar komplett kostenlos.

Die Apps lassen sich über ein MDM zentral verteilen und auch wieder zurückziehen, wenn die Schülerinnen und Schüler mit ihren Geräten die Schule verlassen. Ein optionaler Gastmodus ermöglicht die Nutzung von Geräten durch mehrere Schülerinnen und Schüler am gleichen Tag, ohne dass Daten aus der vorangehenden Stunde auf dem jeweiligen Gerät verbleiben – eine häufige Datenschutzanforderung.

Diese Eigenschaften kommen dem bestehenden Schulsystem, das an vielen Punkten auf Kontrollierbarkeit und Rechtssicherheit setzt, zurzeit am besten entgegen. Konkurrenten nähern sich diesen Eigenschaften immer besser an, können aber zurzeit nicht alles vollständig abbilden – vor allem die zentrale rabattierte App-Beschaffung bleibt bisher ein nicht unwesentliches Alleinstellungsmerkmal von Apple. Alle weiteren oft genannten Vorzüge von iPads lassen sich im Web und sozialen Medien in vielfach leidenschaftlich geführten Diskussionen entnehmen.

Geschlossenes System 
Aus Perspektive der digitalen Souveränität sind geschlossene Systeme wie das iPad hingegen ein großes Problem. So sehr die Geschlossenheit eine Sicherheit vor etwa Malware oder eine absolut konsistente Nutzungserfahrung bietet, so sehr begrenzt sie das Verständnis für die zugrundeliegende digitale Technik. Auch funktional können Beschränkungen auftreten: So ist das Teilen des Bildschirms eines iPads in Videokonferenzen nicht mit jeder und vor allem oft nicht mit freier Videokonferenzsoftware ohne Weiteres möglich.

Viele Dienste, die auf offenen Geräten mit Standardprogrammen wie Browsern laufen, erfordern auf dem iPad die Installation einer speziellen App, obwohl sich die tatsächliche Bedienung dann nicht wesentlich von der in einem Standardbrowser unterscheidet. Das trägt mit dazu bei, Benutzerinnen und Benutzer an den App Store von Apple zu binden.

Treten unter iOS Fehler oder Funktionseinschränkungen auf, sind die Möglichkeiten der Fehleranalyse begrenzt: Oft gibt es zwar Workarounds, meist ist man aber auf Betriebssystem-Updates von Apple angewiesen. Aus Anwendersicht überwiegen die Vorteile trotzdem bei Weitem die skizzierten Einschränkungen. Oft genug machen Anwender aus dem Apple-Umfeld eher andere dafür verantwortlich, dass bestimmte Funktionen nicht vorhanden sind, als das Problem bei unter Umständen nicht standardkonformem Verhalten ihres Gerätes zu vermuten.

Informatikunterricht als Grundlage für digitale Souveränität 
In der Schule sind vor allem technisch-informatische Kompetenzen zurzeit noch nicht sehr weit entwickelt. Nur sehr langsam setzt sich in den Kultusministerien die Erkenntnis durch, dass fundierter Informatikunterricht einen immens wichtigen Baustein für die künftige digitale Souveränität der Bürgerinnen und Bürger darstellt – und nebenbei den oft beklagten Fachkräftemangel im IT-Bereich zumindest teilweise kompensieren kann.

Noch immer kursiert das »Auto-Argument« in diesem Umfeld: Man muss ein Auto nicht verstehen, um es fahren zu können. Also muss man Dinge wie informatische Systeme nicht verstehen, um sie zu benutzen. Diese Analogie unterliegt – wiederum aus einer informatischen Perspektive heraus – dem Fehlschluss, dass digitale Systeme die Gesellschaft in einer ganz anderen Weise und fundamentaler prägen als es die erlernte Individualmobilität mit dem Auto tut.

Vor dem Hintergrund dieser Argumentation muss man zu dem Schluss kommen, dass iPads zumindest perspektivisch nicht die ideale Lösung für die Schule sind. Tatsächlich gibt es Schulen, die einen kompletten Open-Source-Ansatz verfolgen und intelligente Konzepte für die Durchführung von Prüfungen oder die Verteilung von Software entwickelt haben, die mindestens so nutzerfreundlich sind wie die Kombination aus iPads und einem gängigen MDM. Das bleiben aber absolute Ausnahmen und basieren meist auf dem Engagement sehr weniger Menschen.

Trotzdem iPad für die Schule 
Trotz aller Gegenargumente empfehle ich in meinem Beratungskontext iPads nach vorangehender Umfeldanalyse oft genug sowohl Schulträgern als auch Schulen. Ist meine Beratung dann noch neutral oder stehe ich trotz meiner Bedenken letztendlich dem Hersteller Apple zu nahe?

Die Ressourcen zur Verwaltung und Administration von Endgeräten sind sowohl bei Schulträgerinnen und -trägern als auch bei schulischem Personal sehr begrenzt. Das technische System mit der besten Bedienbarkeit und dem geringsten Ressourcenbedarf wird unter den gegebenen Rahmenbedingungen die größten Chancen auf eine weite Verbreitung haben. Unter iOS stehen Apps zur Verfügung, die sogar der einzelnen Lehrkraft Beschränkungen im Unterricht oder das Versetzen der Geräte in einen sogenannten Prüfungsmodus erlauben. Gleichzeitig gibt es zur Einrichtung und zum Betrieb von iPads auf der Ebene der Lehrkräfte viel Know-how. Das liegt daran, dass Apple sich im Bereich der Lehrkräftefortbildung schon sehr lange in Deutschland engagiert – sogar mit speziellen Programmen, mit denen Lehrkräfte und Schulen konzernexklusive Titel erwerben können.

Viele Schulleitungen haben einen hohen Anspruch in Hinblick auf die Rechtssicherheit, etwa bei der Durchführung von Prüfungen oder der Einschränkung der Geräte im Schulbetrieb – auch im Hinblick auf Erfordernisse des Jugendschutzes. Die rechtlichen Vorgaben vieler Bundesländer setzen immer noch auf das Prinzip der Egalität und Justiziabilität: Prüfungen müssen vergleichbar sein und mit vergleichbarer Hardware durchgeführt werden.

Schulprüfungen in der Praxis 
Aber was heißt das praktisch? Wie läuft exemplarisch eine Mathematikprüfung mit iOS und einem MDM und wie beispielsweise auf offenen Android-Geräten ab, um rechtskonform zu funktionieren? Dazu bildet etwa der Erlass »Nutzung eingeführter digitaler Endgeräte in Prüfungssituationen« aus Niedersachsen die Grundlage. Die Regelungen der anderen 15 Bundesländer können hier nicht thematisiert werden. In der Prüfung ersetzt das digitale Endgerät den Taschenrechner. 

Mit iOS und MDM: 
Die Lehrkraft ruft eine Steuerungs-App auf. In dieser App sieht sie die Geräte der Schülerinnen und Schüler. Sie kann diese Geräte jetzt zentral in einen Einzel-App-Modus versetzen und erhält in der App eine Rückmeldung über den Erfolg oder Nichterfolg. Der eingestellte Prüfungsmodus ist »ausschaltsicher«, selbst nach einem kompletten Neustart ist nur eine App nutzbar – und gegebenenfalls durch die Lehrkraft bereitgestellte Dateien. Nach der Prüfung hebt die Lehrkraft die Einschränkungen der Geräte über die Steuerungs-App wieder auf. 

Mit Android und ohne MDM: 
Die Schülerinnen und Schüler dürfen nur eine App verwenden, die von sich aus einen Prüfungsmodus bereitstellt. Sie wechseln selbstständig in den Prüfungsmodus. Dieser ist auf dem Bildschirm etwa durch ein verändertes Farbschema erkennbar. Schülerinnen und Schüler können den Prüfungsmodus beispielsweise durch Ausschalten des Gerätes deaktivieren. Die Lehrkraft muss durch Sichtkontrollen während der Prüfung sicherstellen, dass sich alle Geräte im Prüfungsmodus befinden.

Beide Szenarien sind rechtlich in Niedersachsen möglich. Der praktische Aufwand für die Lehrkraft ist in beiden Fällen aber unterschiedlich hoch. 


Über den Autor: Maik Riecken hat über mehrere Jahre die Fächer Deutsch, Chemie und Informatik (fachfremd) an einem niedersächsischen Gymnasium unterrichtet. Er ist medienpädagogischer Berater am Medienzentrum Cloppenburg und berät unter anderem in dieser Funktion Schulen und Schulträger bei der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten. Er betreibt in seiner Freizeit die Internetseiten https://www.riecken.de sowie https://www.medienbildungskonzept.de und schreibt Artikel rund um Digitalisierungsfragen im Bereich Schule in unterschiedlichen Medien.


Quelle: heise.de, Autor: Maik Riecken