"In Deutschland wartet man auf die Zukunft, statt sie anzugehen"

"Fast 30.000 Euro kostet der Schulplatz an der Deutschen Schule im Silicon Valley. Aber liegt's allein am Geld, dass der Distanzunterricht dort so gut gelingt? Nein, sagt die Schulleiterin, die beide Welten gut kennt. 
WirtschaftsWoche: Frau Röschel, Sie waren Schulleiterin in Berlin, führen seit März die bilinguale Deutsche Internationale Schule im Silicon Valley (German International School of Silicon Valley (GISSV), kennen also beide Systeme. Sieht es an Ihren Schulstandorten in Mountain View und San Francisco ähnlich aus wie in der Heimat: Kein W-Lan in der Schule, zwei Dutzend Tablets für hundert Schüler, und Lehrer, die vom digitalen Unterricht sprechen, wenn sie Arbeitspapiere einscannen und als E-Mail schicken? 
Kathrin Röschel: Nein, das gibt es bei uns selbstverständlich nicht, aber was Sie beschreiben, sind sicher die Extreme. Ich habe an meiner Schule in Berlin vorher auch keine Brieftaube losgeschickt. 

Viele deutsche Schulen sind vom System Brieftaube aber nicht so weit entfernt. Gerade zeigen die neuen Schulschließungen, wie wenig seit dem Frühjahr passiert ist – auch ein Grund, weshalb über schnelle Schulöffnungen trotz hoher Infektionszahlen debattiert wird. Um bei der Brieftaube zu bleiben: Es gibt immer noch Schulen, bei denen die Lehrer keine E-Mail-Adressen haben. 
E-Mail-Adressen sind hier Standard, aber der größte Unterschied ist wohl tatsächlich die technische Ausstattung. An deutschen Schulen gibt es einen Lehrer, der sich zwei Stunden pro Woche um die gesamte IT der Schule kümmert. Hier habe ich technische Mitarbeiter, die nur fürs W-Lan und die Pflege der Geräte zuständig sind. Ab der dritten Klasse gibt es für alle Schüler Tablets von der Schule, ab der 9. Klasse bringt jedes Kind seinen Laptop mit. Auch digitale Lernplattformen haben wir vor der Pandemie schon genutzt. 

Die GISSV ist allerdings auch eine Privatschule, die ein Programm von »Diaper« bis »Diploma« bietet: Die Ganztagsbetreuung im Kindergarten kostet pro Jahr rund 28.000 Dollar, die Grundschule rund 22.000 Dollar, die weiterführende Schule rund 28.000 Dollar, hinzu kommen weitere Gebühren für Aufnahme und Ausstattung. Macht Geld allein den Unterschied? 
Es wäre überheblich zu sagen, dass das Geld keinen Unterschied macht. Natürlich ist es ein Luxus, wenn wir jedem Grundschüler zur Schulbuchausgabe ein Tablet überreichen, aber andererseits kostet so ein Gerät auch nicht viel mehr als der Bücherstapel, den jedes Kind bekommt. Außerdem sind viele Unterrichtsformen auch am Smartphone möglich, was es in den meisten Haushalten geben dürfte. An der Technik dürfte es in Deutschland also auch nicht scheitern – und am Geld eigentlich auch nicht, denn über den Digitalpakt stehen ja seit 2019 fünf Milliarden Euro für die digitale Bildung zur Verfügung. 

Im Schnitt 120.000 Euro für jede der rund 40.000 Schulen. Das Geld kommt allerdings kaum an: Bis zum Sommer sind gerade einmal 15,7 Millionen Mittel abgeflossen. Sind Bürokratie und Föderalismus die größten Bremsen für die schnelle Digitalisierung der Schulen? 
Erstmal ist es richtig und wichtig, dass es diesen Digitalpakt gibt. Ebenso, dass die Schulen Konzepte schreiben müssen, denn das Geld soll ja nicht irgendwo versickern. Aber die Bürokratie dahinter ist doch fraglich – denn spätestens jetzt hätten doch alle Schülerinnen und Schüler Tablets haben müssen. 

Aber das schönste Tablets nutzt ja nichts, wenn der Lehrer keine Lust auf digitalen Unterricht hat? 
Nur, weil wir hier an der einen Ecke Google und an der anderen Apple haben, sind wir Lehrer ja noch längst nicht alle Tech-Freaks. Allerdings ist die Offenheit für Veränderung hier doch größer. In Deutschland wartet man darauf, was das zuständige Kultusministerium entscheidet, was die Kultusministerkonferenz (KMK) beschließt – ja, man wartet eigentlich, bis die Zukunft über einen kommt..."


Kathrin Röschel, 55 Jahre, kommt aus Berlin. Sie studierte an der Humboldt-Universität Mathematik und Physik, ging gleich nach dem Mauerfall nach New York, wo sie einen Forschungsaufenthalt in Mathematik-Didaktik anschloss. Sie unterrichtete an der Deutschen Schule in Washington, leitete die deutsch-amerikanische John-F.-Kennedy-Schule und die Gail-S.-Halvorsen-Schule in Berlin. Seit März ist sie Schulleiterin der Deutschen Internationalen Schule im Silicon Valley, die zum Netzwerk der 140 deutschen Auslandsschulen gehört. In Mountain View wohnt sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn. Ihr Dienstwagen zum Pendeln zwischen den beiden Schulstandorten ist ein E-Auto.


Zum Interview der Wirtschafts Woche.