Bildungsverluste bleiben unter dem Radar

"Schüler in Corona-Quarantäne sollten dem Unterricht digital zugeschaltet und besser unterstützt werden. Sonst werden die Lernrückstände durch die Pandemie noch größer als jetzt schon.
Pandemiebedingte und gesundheitspolitische Maßnahmen haben während der Corona-Pandemie immer wieder dazu geführt, dass die Schulen und Betreuungseinrichtungen schließen mussten. In Deutschland waren die Schulen im internationalen Vergleich besonders lange geschlossen. Dafür wurden zumeist weniger strikte Einschränkungen für Erwachsene durchgesetzt als etwa in anderen europäischen Ländern. Es ist daher zu begrüßen, dass die aktuellen Corona-Maßnahmen konsequent die Potentiale von Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Leben und am Arbeitsplatz ausnutzen, Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen aber - mit Maskenpflicht ab dem Schulalter- geöffnet bleiben.

In aktuellen Studien zeichnen sich bereits deutliche Lernrückstände als Resultat der coronabedingten Schulschließungen ab. Die negativen Auswirkungen sind für jüngere Kinder stärker als für ältere - und besonders deutlich für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Die Lernrückstände werden sich ohne zielgerichtetes Gegensteuern langfristig deutlich negativ auf individuelle Einkommen und die gesamtwirtschaftliche Produktivität auswirken. Gerade in einer Zeit, in der der Fachkräftemangel zu den größten Herausforderungen in unserer alternden Gesellschaft zählt, sind diese Entwicklungen besonders gravierend. Das Ifo-Institut und der Sachverständigenrat haben wiederholt angemahnt, frühzeitig gegenzusteuern. Bildung muss in unser aller Interesse oberste Priorität erhalten.

Vor diesem Hintergrund ist es besorgniserregend, dass vielerorts weiter ansteigende Bildungsverluste unter dem Radar laufen. Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen ist noch ungeimpft. Seit Wochen nehmen die Quarantänefälle zu. Derzeit befinden sich deutschlandweit über 150000 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne. Noch weit bis ins kommende Jahr wird es immer wieder viele betreffen.

Der Umgang der Schulen mit dieser Situation ist uneinheitlich geregelt. Informationen, wie Betroffene am Unterricht teilhaben sollen, finden sich auf den Informationsseiten zu Corona und Schule allenfalls spärlich. Offenbar gibt es kein verbindliches Konzept für die Beschulung während der Quarantäne, obwohl es viele treffen wird und - einmal mehr - sozial Benachteiligte häufiger.

Die Schulen handhaben den Umgang mit Quarantänefällen unterschiedlich. Manche schalten Schülerinnen und Schüler in Quarantäne digital zum Unterricht und wechseln bei einer Quarantäne für Klassenverbände selbstverständlich in den Digitalunterricht. Andere behandeln einzelne Schüler in Quarantäne wie Krankheitsfälle. Sie müssen sich Hausaufgaben und Unterrichtsmaterial selbst von den Klassenkameraden besorgen. Klassen in Quarantäne bekommen teils Arbeitsaufträge für eine Woche zugesandt, ohne weitere Kontakte zum Lehrpersonal.

All dies scheint offensichtlich im Einklang mit geltenden Vorgaben der Behörden zu stehen, denn es gibt keine klaren Leitplanken für das Vorgehen. Es ist daher nicht zielführend, einzelne Schulen für ihren Umgang mit der Situation an den Pranger zu stellen. Schulleitungen agieren in einem komplexen Geflecht unterschiedlicher Vorstellungen von Lehrern, Schülern und Eltern. Die Beteiligten stehen oft selbst unter Druck. Selbst innerhalb der einzelnen Gruppen unterscheiden sich die Vorstellungen..."

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