Begleiten statt verbieten: Der richtige Umgang mit Medien im Kinderzimmer

Was kann man erlauben, was eher nicht, welche Spiele, welche Apps, welche passiven, welche aktiven Handlungen sind ok, wie verliert man nicht die Kontrolle und vieles mehr. Zum Glück gibt es Menschen wie Leonie Lutz und Anika Osthoff, die Licht in dieses Dickicht bringen. Gerade haben die beiden Expertinnen ihr Buch »Begleiten statt verbieten: Als Familie kompetent und sicher in die digitale Welt« veröffentlicht. Wir durften die beiden dazu interviewen. 

Ihr Lieben, ich freu mich so, dass ihr dieses Buch geschrieben hat, weil ich mich sowas gar nicht trauen würde. Im Netz ändert sich doch alles so rasend schnell, da hab ich immer das Gefühl hinterherzuhecheln. Geht euch das als Mütter nicht ähnlich? 
Wir kennen das besonders bei neuen Trendthemen, die aus dem Netz direkt auf die Schulhöfe schwappen und damit quasi auch in die Familie. Dann merken wir auch: Hoppla, das geht ja wahnsinnig schnell, wann ist das denn passiert?

Das neueste Beispiel ist zum Beispiel das Phänomen Huggy Wuggy. Taucht als gruseliges Plüschtier auf allen möglichen Wochenmärkten auf, wird in die Kita mitgenommen, auf dem Schulhof nachgespielt, aber den Ursprung kennen wenige: Huggy Wuggy stammt aus dem Spiel Poppy Playtime, ein Horror-Game für ältere Jugendliche und Erwachsene, aber eben explizit nicht für Kinder.

Die Figur hat ein furchterregend breites Maul mit spitzen Haifischzähnen. Im Spiel jagt Huggy Wuggy den Spielenden, aufmerksam werden Kinder teilweise durch Let’s Play Videos bei YouTube ohne Alterskennzeichnung. Das sorgt bei vielen kleinen Kids für Ängste, Eltern kennen den Bezug des Plüschtiers zum Ursprung jedoch häufig nicht, weil sich ihre digitale Lebenswelt natürlich sehr von der der Kinder unterscheidet. 

Was ich in meinem Umfeld und auch bei meinen eigenen Kindern beobachte ist, dass Jungen und Mädchen oft ein sehr unterschiedliches Medienverhalten an den Tag legen. Bei uns ist es so, dass die Tochter es eher als Kommunikationsmedium und Freundesnetzwerk nutzt die Jungs eher zum Spielen, Zocken, Videos schauen nutzen oder auch viel selbst kreativ werden und eigene Videos schneiden… 
Ja, das ist tatsächlich auch eine Tendenz, die sich in den Studien zeigt. Bei der WhatsApp-Nutzung sind Mädchen wie Jungen zwar fast gleich auf, YouTube hingegen spielt bei den Jungs eine größere Rolle, auch natürlich, weil dort Lets Play-Videos geguckt werden können. Und Online-Spiele und dadurch auch Discord und Twitch werden von Jungen stärker genutzt, als von Mädchen. Letztere bewegen sich häufiger in den sozialen Netzwerken wie Instagram oder TikTok, aber auch bei Pinterest, um dort nach Ideen zu suchen. 

In eurem Buch liefert ihr Lösungsansätze, wie der Umgang mit Medien in der Familie frei von Konflikten laufen kann. Jetzt bin ich gespannt: Wie kann das funktionieren? Bei uns ist es ein riesengroßes und oft auch einfach belastendes Thema. 
Es gibt nicht »diese eine Sache«, die wir machen können. Es ist ein Zusammenspiel aus vielen Aspekten. Wichtig sind Schutzeinstellungen einerseits, sowie Dialog, Kenntnis und Begleitung durch die Eltern andererseits. Dazu gehört auch, Verständnis für die Kindersicht zu haben und die Faszination wirklich zu verstehen. Gleichermaßen aber als Eltern zu wissen, wo wir Regeln brauchen.

Wir halten nichts von generellen Verboten oder Kontrolle, beides ist nämlich langfristig überhaupt nicht zielführend. Das birgt nicht nur Konflikte, sondern schafft in der Familie auch das Potenzial, dass Kinder Dinge heimlich tun oder aber sich nicht mehr an die Eltern wenden, wenn doch mal was ist. Wir möchten also an das Thema anders herangehen: Zunächst indem wir Eltern erklären, wo die Stolpersteine im Netz sind und wie Kinder besser geschützt werden können, dann kann man auch mal lockerlassen. Und des Weiteren, indem wir deutlich machen, wieso ein gemeinsamer Austausch zu Digital-Themen so wichtig ist.

Unsere Kinder wachsen mitten in der Digitalisierung auf. Und 65 Prozent der jetzigen Grundschulkinder werden in Berufen arbeiten, die es jetzt noch gar nicht gibt. Wir plädieren also dafür, den Weg in die Digitalität gemeinsam als Familie zu gehen und haben einfache Ideen zusammengetragen, die das ermöglichen. 

Kennt ihr aus eurer Sicht als Mütter – nicht als Expertinnen – dieses permanente schlechte Gewissen? Dieses Gefühl, Mist, jetzt sitzen sie schon wieder viel zu lang vor den Geräten? Was tut man dagegen? Es hilft ja keinem. 
Wir kennen das gut aus diversen Corona-Lockdowns und den endlosen Tagen, als es die Schulschließungen gab, wir Eltern aber trotzdem arbeiten mussten. Uns hilft und half, weniger akribisch an den Empfehlungen festzuhalten, sondern mehr zu schauen, was die Kinder an den Geräten machen.

Es gibt eben auch wirklich tolle und gute Kinderapps, für die Jüngeren natürlich die Angebote der öffentlich-rechtlichen oder die Apps von Fox&Sheep aus Berlin, aber auch Fiete Kinder Zoo ist großartig, weil die Kids da einen Zoo ganz analog basteln. Also zu Hause am Familientisch mit Stift, Schere und Papier und die fertigen Tiere werden dann nach und nach in die App geladen, mit Geräuschen versehen und es entsteht ein digitales Werk.

Anikas Kinder sind nicht mehr im Kleinkindalter, also haben sie im ersten Lockdown bei Minecraft einen Zoo gebaut und parallel recherchiert, welches Tier welche Lebensbedingungen hat. Das alles hat etwas Gestalterisches. Und so sollten wir digitale Medien eben auch nutzen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, auch um dieses schlechte Gewissen loszuwerden: Wir sind nicht nur Konsumenten, wir können auch kreativ an den Geräten werden. Unsere Kinder dürfen das unbedingt auch so lernen!

Außerdem hilft es, genau zu hinterfragen, wovor man eigentlich Angst hat und woher das schlechte Gewissen kommt. Wir nehmen uns im Buch viele Glaubenssätze und Ängste vor, die dazu führen, dass man sich schlecht fühlt und stellen sehr schnell fest: Ganz so viel Angst muss man vielleicht nicht haben und auch das schlechte Gewissen darf Pause machen. Denn wenn wir Eltern uns auskennen, stärkt das unsere eigene Kompetenz und wir fühlen uns nicht mehr so machtlos ängstlich. 

Welche Medienzeiten pro Tag haltet ihr in welchem Alter für sinnvoll, kann man das so pauschal sagen? 
Pauschal kann man es nicht sagen, weil selbst die offiziellen Empfehlungen abweichen. Schauen wir uns mal die Empfehlungen für Kleinkinder an: Die WHO sagt, kein Bildschirm unter einem Jahr und ab zwei Jahre nicht mehr als eine Stunde täglich.

Die BZgA sagt: kein Bildschirm unter drei und Klicksafe empfiehlt maximal fünf Minuten täglich bei Kindern bis drei Jahre. Und wenn wir diese Zahlen jetzt mal in die Familien holen, ist es ja quasi unmöglich eine Bildschirmzeit von fünf Minuten sinnvoll zu nutzen. Selbst Kleinkind-Serien bei ZDFchen gehen meist zehn bis 20 Minuten. Wie frustrierend wäre das für die Kinder, die Serie immer in 5-Minuten-Schritten zu gucken? Das ist nicht lebbar, sondern sorgt für Frust und Konflikte. 

Wir würden daher lieber aufs Bauchgefühl hören und individuell entscheiden. Versteht uns nicht falsch: Es ist gut und wichtig, dass es die offiziellen Empfehlungen gibt. Insbesondere Kleinkinder brauchen für ihre Entwicklung noch keine Bildschirmzeit, sondern Nähe, Bewegung, Spielen, Bauen und so weiter. Aber wenn ein 3-Jähriges mal 20 Minuten was guckt oder spielt, und das zum Beispiel die Eltern entlastet, weil sie selbst kurz eine Pause haben, dann ist das ja keine Dauer-Berieselung und kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. 

Macht ihr Unterschiede zwischen passivem Konsum und kreativem digitalem Schaffen? Ich finde es schon einen Unterschied, ob das Handy via App für einen Geo-Caching-Nachmittag draußen in der Natur genutzt wird, für das Schneiden von Videos und das Unterlegen mit Musik ist etwas anderes als stundenlanges rumliegen und sich von einem TikTok-Video ins nächste zu katapultieren… 
Absolut. Man kann mit digitalen Medien tolle Dinge mit Kindern machen, wo es um Kreativität und Gestaltung geht. Dazu haben wir eine Menge Tipps in unserem Buch, damit für jeden etwas dabei ist. Eltern und Kinder können recht easy Podcasts oder Hörspiele erstellen, E-Books selber machen, Programmieren, Gifs animieren, Stop-Motion-Videos drehen, Stundenpläne grafisch designen, komponieren – da gibt es jede Menge tolle Dinge und wunderbare Apps, um zu lernen: Hey, die Geräte können ja mehr also nur was gucken oder daddeln! Und dieses Umdenken braucht es, damit unsere Kinder einen spielerischen Umgang lernen und nach und nach aus der Gerätekompetenz eine Medienkompetenz wird. 

Welche Hauptrisiken seht ihr für Kinder im Netz? 
Cybergrooming, Cybermobbing, Fake News, Pornografie und Grusel-Phänomene wie Momo oder Teresa Fidalgo, Huggy Wuggy oder TikTok-Challenges. Da ist schon eine Menge dabei, wo man als Eltern denkt: Puh, das würde ich am liebsten alles gar nicht wissen. Wir schreiben aber trotzdem drüber. Nur wer Kenntnis über all diese Dinge hat, weiß, wie sie ablaufen, mit welchen Mechanismen Cybergrooming-Täter agieren, wie man Fake-Kettenbriefe enttarnt oder welche TikTok-Challenges wirklich gefährlich sind. Und mit diesem Wissen können wir unsere Kinder für die Themen sensibilisieren.

Es ist ein Unterschied, ob wir einem Kind zum Beispiel Wissen über den Kettenbrief Teresa Fidalgo mitgegeben haben und es diese Nachricht dann irgendwann bekommt und löscht, weil es die Kompetenz hat, zu erkennen: Das ist eh nicht wahr. Oder ob das Kind davon noch nie gehört hat und sich erstmal sehr fürchtet und eigentlich auch nicht die Eltern informieren will, weil die ja sonst vielleicht das Handy wegnehmen könnten. 

Erstes Handy ab welchem Alter? 
Das kann man nicht für alle an einer gültigen Zahl fest machen. Wichtig ist, dass Kinder eine gewisse Lesekompetenz haben, wenn sie ein Smartphone nutzen. Es macht also in der ersten oder zweiten Klasse allein deshalb wenig Sinn, ein Handy für das Kind anzuschaffen. Und dann kommt es in erster Linie darauf an, wann die Eltern bereit sind, ihr Kind bei der Nutzung eines Smartphones zu begleiten, d.h. das Gerät sicher einzustellen und mit dem Kind über mögliche Gefahren zu sprechen.

Dann ist es eher nebensächlich, ob das Kind jetzt 10, 11 oder 12 ist. Viele nehmen den Wechsel zur weiterführenden Schule (überwiegend nach Klasse 4) zum Anlass. Das ist sicherlich kein schlechter Zeitpunkt. Aber wie gesagt: Ein Kind ist bereit für das erste Smartphone, wenn die Eltern vorbereitet sind. 

Wo seht ihr am meisten Fluch, wo am meisten Segen in der Digitalisierung? 
Die Gefahren, denen unsere Kinder schon sehr früh und zum Teil massiv ausgesetzt sind, sind sicherlich eines der größten Probleme der Digitalisierung. Auch ist es schon so, dass man schauen muss, dass Digitales nicht einen zu großen Raum einnimmt und Kinder von Erlebnissen in der echten Welt, mit echten Freunden, Bewegung und Gesprächen abhält. Bei aller positiven Digitalität ist Anika als Lehrerin daher auch großer Fan davon, die Handys auf Klassenfahrten zu Hause zu lassen, weil so erfahrungsgemäß viel mehr gemeinschaftliche Erlebnisse stattfinden.

Für den »Segen« sind wir zwei ein ganz gutes Beispiel. Wir haben uns über Social Media kennengelernt und gemeinsam auf digitalen Plattformen Bücher für Lehrkräfte und Eltern geschrieben. Digitale Plattformen können auch Verbindung schaffen mit Gleichgesinnten, die vielleicht im eigenen Umfeld nicht zu finden sind. Wir stoßen dadurch auf andere Lebenswelten, Denk- und Sichtweisen, das ist toll und erweitert den eigenen Horizont.

Und um nochmal auf das Thema Schule zurück zu kommen: Digitale Lernplattformen ermöglichen es, Kindern sehr gezielte individuelle Rückmeldungen zu geben und auf ihre Stärken und Schwächen zugeschnittenes Fördermaterial zusammenzustellen. Das kann eine einzelne Lehrkraft so gar nicht leisten. Wir müssen nur anfangen, das auch endlich in den Schulen zu nutzen. 

Wie schaffen wir es, die Kinder durch den digitalen Dschungel zu begleiten statt immerzu Verbote auszusprechen? 
Durch gute Absicherung, also indem wir technische Schutzeinstellungen kennen und nutzen, Wissen über negative Netzphänomene, Gespräche auf Augenhöhe, Verständnis für die digitale Welt der Kinder und klare Absprachen an die sich alle – auch Eltern – halten. Wir sind hier auch Vorbild.

Quelle: stadtlandmama.de