Unterricht nach Corona: Einfach zurück in die Schule? Bloß nicht!

"Die Pandemie hat die Defizite im Schulsystem sichtbar gemacht. Nun steht die Rückkehr in den Alltag an. Was muss anders laufen als bislang? Ein Streitgespräch.
Die Corona-Pandemie hat viele gesellschaftliche Probleme zu Tage gefördert – so auch die Schwachstellen im deutschen Bildungssystem. Nun, da die Schulen nach wochenlangen Schließungen wieder öffnen dürfen, stellt sich die Frage, wie der Unterricht künftig aussehen soll und was sich dringend ändern muss. Auf Einladung von ZEIT ONLINE trafen sich Vertreter von Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft und ein Bildungspolitiker zum Streitgespräch.

ZEIT ONLINE: Über Wochen hinweg hatten Eltern in Deutschland das Gefühl, die Politik habe ausgerechnet die Kinder bei ihren Lockerungsplänen vergessen: Während Autohäuser, Baumärkte und Einzelhandel schon wieder öffnen durften, blieben Schulen geschlossen. Nun heißt es auf einmal, nach den Sommerferien kehrten alle Schulen in Deutschland zum Regelbetrieb zurück. Ist das sinnvoll oder ein Schritt ins Chaos

Susanne Lin-Klitzing: Dieser Schritt ist vor allem dem Wunsch nach Einheitlichkeit geschuldet. Das war zu Beginn der Krise gut, etwa als sich alle Kultusminister gemeinsam entschlossen, auch in der Corona-Zeit alle Abiturprüfungen durchzuführen. Jetzt ist mir der Wunsch nach Einheitlichkeit fast zu viel, denn je nach Infektionsgeschehen könnten und sollten die Kultusminister durchaus unterschiedlich in ihrem Bundesland ruhig mutiger oder weniger mutig sein. Klar ist aber auch, dass die Politik mit dem Ausspruch für eine kollektive Öffnung ganz stark auf den Druck der Eltern reagiert. Die Betreuung der Kinder neben ihrem Job hat viele an ihre Grenzen gebracht.

ZEIT ONLINE: Geht es also gar nicht um die Bildung der Kinder, wenn wir jetzt zum Regelbetrieb zurückkehren, sondern um eine Entlastung der Eltern?

Lin-Klitzing: Die entlastende Wirkung dieser Botschaft für die Eltern ist natürlich groß. Klar ist aber auch: Die Rückkehr in den sogenannten Regelbetrieb wird nicht an allen Schulen gleich aussehen können.

Verena Friederike Hasel: Ich halte eine Rückkehr zum Regelbetrieb für gar nicht erstrebenswert, wenn das bedeutet, dass es weiter geht wie vor Corona. Das wäre auch gar nicht möglich. Viele Kinder haben in den vergangenen Monaten eine sehr belastende Situation erlebt: Die Ängste der Eltern, die Einschränkungen im Alltag, vielleicht ein Jobverlust in der Familie, das hat viele sehr bewegt. Und all das muss bei der Rückkehr in die Schule mitgedacht werden. Ich lebe gerade mit meiner Familie in Neuseeland und bin sehr begeistert, was sich die Lehrer hier alles einfallen lassen. Es gab zum Beispiel in der ersten Schulwoche einen Pyjama-Tag, an dem alle im Schlafanzug zur Schule kamen, auch die Lehrer – weil viele Kinder während der Schulschließungen ja ganze Vormittage im Schlafanzug verbracht haben. Und so hat man das spielerisch aufgegriffen und ihnen die Rückkehr auf diese Weise erleichtert..."


SUSANNE LIN-KLITZING
ist seit 2007 Professorin für Schulpädagogik an der Philipps-Universität Marburg und seit 2017 Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes. Zuvor unterrichtete sie Deutsch und Religion an einem Gymnasium und war als Ausbilderin von Lehramtsreferendaren tätig.

VERENA FRIEDERIKE HASEL
ist Psychologin, Journalistin, Buchautorin und Mutter von drei Kindern. In ihrem Buch »Der tanzende Direktor« schildert sie, wie sich das deutsche Schulsystem im 21. Jahrhundert verändern muss.


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