Streetwork im Internet: "Da kannst du das Leben noch in eine andere Spur rücken"

Sarah Rieger und Anna-Lena Keerl arbeiten als digitale Streetworkerinnen. Ihr Ziel: Mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, die vielleicht ihre Hilfe benötigen. Das Einzige, das sie für ihre Arbeit brauchen, ist ein Internetzugang.
Eine halbe Stunde. Länger braucht es nicht, dass zwei Welten zusammenbrechen. Für die eine junge Frau, weil sie ihr Kind im siebten Monat plötzlich verliert. Für eine zweite junge Frau, weil sie Sorge hat, sie sei schwanger - bis ihr der positive Schwangerschaftstest Gewissheit verschafft.

Es sind solche Fälle, in denen Sarah Rieger und Anna-Lena Keerl, beide 29 Jahre alt, jungen Menschen zur Seite stehen. Um Hilfe anzubieten, manchmal auch nur, um ein offenes Ohr bei Problemen zu haben. Als digitale Streetworkerinnen betreuen sie Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 bis 27 Jahren im Internet. Nicht nur bei ungewollten Schwangerschaftsabbrüchen, sondern bei Problemen aller Art. Von Zukunftsängsten, psychischer Gesundheit, Fragen der Sexualität, Stress mit den Eltern oder Freunden bis hin zu Schwierigkeiten im Beruf oder in der Ausbildung. Kurzgefasst: Digitale Streetworker helfen jungen Menschen bei der alltäglichen Lebensbewältigung.

Weil der Begriff »Streetwork« nicht jedem geläufig ist, weder in der digitalen noch in der analogen Variante, eine kurze Erklärung: »Klassische Streetwork bedeutet, auf der Straße junge Menschen anzusprechen, sie zu unterstützen und Beziehungen aufzubauen«, sagt Sarah. Etwas ungelenk ins Deutsche übersetzen könnte man das vielleicht mit »Straßensozialarbeit«. Doch statt auf dem Schulhof oder auf der Straße, suchen sie und ihre Kollegin Anna-Lena ihre Zielgruppe eben in den sozialen Medien auf. Dort, wo sich die Lebenswelt junger Menschen schon seit Jahren abspielt.

Aber kann man das Konzept einfach so in Internet übertragen? Und wie sieht das dann genau aus?

Ein Besuch bei Anna-Lena und Sarah in ihrem Büro in der Maillingerstraße, zwischen Maxvorstadt und Neuhausen. Hier, wo der Bezirksjugendring Oberbayern seinen Sitz hat, bieten sie an einem großen Schreibtisch in der Mitte des Raumes Kaffee und Spezi an. Draußen vor den großen Glasfenstern hängen graue Wolken über dem Himmel, aber die Stimmung drinnen trübt das nicht. Schnell merkt man auch, warum: Anna-Lena und Sarah sind das, was man wohl als aufgeweckte Persönlichkeiten beschreiben würde. Sie lachen oft und ehrlich miteinander, ungekünstelt.

Ein Handy ist alles, was Sarah und Anna-Lena für ihre alltägliche Arbeit brauchen 
Kennengelernt haben sie sich bei ihrem Vorgängerjob in einer therapeutischen Wohngemeinschaft für Jugendliche mit Suchtmittelkonsum. Heute sind sie zwei von insgesamt zwölf digitalen Streetworkern in Bayern, gestartet hat das bislang einzige Pilotprojekt seiner Art im September 2021.

Sarah - weiße Sneaker, zierlicher Körperbau, Nasenpiercing - hat es sich inzwischen im Schneidersitz auf ihrem Drehstuhl bequem gemacht. Sie deutet nun auf ihr Diensthandy, das auf dem Tisch liegt. Dieses Handy, seltener auch mal ein Laptop, ist alles, was sie und Anna-Lena für ihre alltägliche Arbeit brauchen. Darüber sind sie aktiv bei sozialen Plattformen, bei Jodel, Instagram, Twitch, TikTok oder beispielsweise Discord.

Die Beratung der digitalen Streetworkerinnen ist kostenlos und anonym 
Discord ist ein Chat-Onlinedienst, der ursprünglich hauptsächlich von Gamern genutzt wurde, inzwischen aber weltweit mehr als 250 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer hat. Auf diesen Plattformen posten Sarah und Anna-Lena Inhalte, um junge Menschen zu erreichen, sie streamen Videos und beantworten Fragen, teils schreiben sie gezielt Personen an. Erkenntlich machen sie dabei immer, dass sie als Sozialarbeiterinnen arbeiten.

Ihr Ziel: Ins Gespräch mit jungen Menschen kommen, die vielleicht ihre Hilfe benötigen. Als digitale Streetworkerinnen bieten sie ihre Beratung kostenlos und anonym an. Außerdem unterliegen sie ähnlich wie auch Ärzte oder Rechtsanwälte der Schweigepflicht.

Eine zweite Sache fällt auf, hört man Sarah und Anna-Lena dabei zu, wie sie über ihren Alltag sprechen: Sie sind ein eingespieltes Team. Das ist wichtig für ihre Arbeit. Gerade dann, wenn es zu schwierigen Fällen kommt. »Wir reden viel miteinander, auch, um gewisse Sachen aufzuarbeiten, die passieren«, sagt Anna-Lena. Die Frau mit den langen blonden Haaren, der schwarzen Mütze auf den Kopf und dem freundlichen Lächeln, wirkt jetzt nachdenklich.

Schwierige Fälle, das sind beispielsweise solche, wenn ein junger Mensch anonym und per Chat berichtet, er sei akut suizidal. Plötzlich geht er offline. Was tun? »Da stehst du da, weiß nicht, wer er ist, wo er ist und wer im Umfeld ist, den man informieren könnte«, sagt Anna-Lena. Sarah fügt hinzu: »Bei keinem meiner Klienten weiß ich, wie die Person aussieht, den Namen, das Alter, oder den Wohnort. Wenn man eine Nummer hätte, könnte man zur Polizei gehen und es melden, das müssen wir auch.« Fälle wie diese seien aber seltene Ausnahmesituationen, betont Sarah, nicht die Regel.

»Es gibt viele junge Menschen, die Angst haben, in die Schule zu gehen.« 
Fragt man die digitalen Streetworkerinnen danach, welche Ängste und Sorgen junge Menschen gerade besonders umtreiben, geben sie eine klare Antwort: »Es sind häufig psychische Probleme«, sagt Sarah. Die Therapieplatz-Suche sei für viele schwierig, seit der Corona-Zeit hätten sich auch die sozialen Phobien vermehrt. »Es gibt viele junge Menschen, die Angst haben, in die Schule zu gehen. Wegen Druck, Stress, Menschen, Mobbing, der Lautstärke oder Anforderungen, denen sie vielleicht nicht gerecht werden können. Angst davor, zu versagen«, sagt Sarah.

Die vielen Krisen - Pandemie, Klimawandel, Inflation, Ukraine-Krieg - belasten die junge Generation. Ein Viertel der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland ist unzufrieden mit ihrer psychischen Gesundheit, 16 Prozent empfinden Hilflosigkeit, 10 Prozent berichten sogar von Suizidgedanken. Das zeigt die aktuellen Trendstudie »Jugend in Deutschland« von Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann. Was unmittelbar daraus folgt: Selten war die Arbeit von digitalen Streetworkern wie Anna-Lena und Sarah so bedeutsam wie heute.

Es müssen aber nicht immer belastende und schwere Themen sein, mit denen sie sich auseinandersetzen. Manchmal geht es auch um die erste Liebe. Einmal habe ein Junge Anna-Lena gefragt, woher er wisse, ob er ein Mädchen küssen dürfe oder nicht. Daraufhin gab Anna-Lena einen Ratschlag, der sich durchaus auch für Erwachsene eignet: »Frag sie einfach.« Das Thema »Consent«, also so viel wie »Zustimmung«, will schließlich früh gelernt sein.

Bevormunden möchten Sarah und Anna-Lena aber niemanden. Ganz im Gegenteil: »Es gibt einen pädagogischen Ansatz, nach dem der Klient Experte für sich selbst ist«, sagt Sarah. »Das heißt: Die Person weiß natürlich besser, was sie braucht oder machen würde, als ich es tue, denn ich stecke nicht in deren Haut. Man arbeitet also viel mit Fragen, um zum einen die Gesamtsituation zu erfassen und um die Person selbst zum Nachdenken anzuregen: Was konkret will ich eigentlich? Was brauche ich? Welche Möglichkeiten habe ich?« 

»Es ist schön, Menschen dabei zu helfen, sich weiterzuentwickeln.« 
Ihre Arbeit, das merkt man ihnen an, erfüllt sie. Und auch warum die beiden Digital-Streetworkerinnen lieber mit Jugendlichen arbeiten als mit Erwachsenen, wissen sie genau: »Ich habe die Hoffnung, dass man bei Jugendlichen noch richtig was verändern kann. Da kannst du das Leben noch in eine andere Spur rücken«, sagt Anna-Lena. Daran schließt Sarah an: »Es ist schön, Menschen dabei zu helfen, sich weiterzuentwickeln und im positiven Sinne einwirken zu können.« Vorerst geht es für Sarah aber nun auf Reisen. Was danach kommt? Das weiß sie noch nicht. So viel aber ist sicher: »Bei Jugendarbeit wird es auf jeden Fall bleiben.« 

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Lisa Miethke

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