Schulunterricht im Radio: Das virtuelle Klassenzimmer in Afrika

"Auch in Afrika wurden die Schule während der Corona-Krise geschlossen – Zeit für digitale Bildung. Weil nur wenige über einen Internetzugang verfügen, findet der virtuelle Unterricht bisher hauptsächlich via Radio und Fernsehen statt. 
Es ist nicht gerade der Stoff, der die »Generation Z« vom Sessel reißt: »Büroklammer, Locher, Fotokopierer, Faxgerät«. Frederik, der Moderator in Kenias staatlichem Radiosender, diktiert jedes Wort mit Nachdruck. »Klasse, jetzt bildet Sätze mit diesen Wörtern«, sagt er und lässt dann die schwungvollen Takte einer Big Band über den Äther dudeln. Das Schulprogramm über Radio und Fernsehen gibt es in Kenia seit Jahrzehnten. Normalerweise ist es für Jugendliche auf dem Land gedacht, deren nächste Schule weit entfernt liegt. Jetzt lauschen auch Schüler in den großen Städten Frederik und seinen Kollegen.

In der Corona-Krise haben zahlreiche afrikanische Regierungen die Schulen im März geschlossen. Fast 300 Millionen Schüler sind betroffen. Vereinzelt werden die Schultore wieder geöffnet, aber zaghaft und oft gegen Widerstände. In Kenia soll es erst im September so weit sein. Auf einem Kontinent, auf dem die Informationstechnik schon Branchen wie das Finanzwesen revolutioniert hat, ist digitales Lernen jetzt das große Schlagwort.

So genannte Ed-Tech-Start-ups, »Ed« steht kurz für »Education«, erhalten mehr Aufmerksamkeit als je. Mobilfunkkonzerne kooperieren mit internationalen Universitäten, bieten Sondertarife für den Zugriff auf deren Plattformen. Auch Behörden sind aktiv. So entwickelt das Bildungsministerium in Ghana offene Online-Lernprogramme, wobei der Telekomriese MTN mit von der Partie ist. Die Hoffnung ist groß, dass Afrika es schafft, dank Mobilfunk und Internet auch im Bildungswesen Entwicklungsstufen zu überspringen: von den vielzitierten »Schulen unter einem Baum« zum virtuellen Klassenzimmer.

Mischung aus Online- und Präsenzunterricht
Wesley Lynch führt das 2012 in Südafrika gegründete Unternehmen Snapplify, einen der führenden Anbieter digitaler Bildungsmaterialien in Afrika. »IT ist keine Wunderwaffe, aber sie kann eine wichtige Rolle spielen, um die Herausforderungen in Afrikas Bildungswesen zu stemmen«, sagt er. »Covid und der Lockdown haben definitiv zu enormen Verhaltensänderungen und breiterer Akzeptanz geführt.« 

An den Riara Schools in Nairobi, einer privaten Schulgruppe, die von Private-Equity-Investoren mitfinanziert wird, geht es trotz des Lockdowns weiter – aber digital. Von einem Tag auf den anderen wurde auf Online-Unterricht umgestellt. Etwa 85 Prozent der Schüler nähmen daran teil, sagt Alan Gachukia, der geschäftsführende Gesellschafter und Schulleiter. »Die meisten unserer Schüler verfügen über elektronische Geräte und Internetzugang.« So privilegiert seien aber nur wenige Jugendliche im Land.

Schon wenige Kilometer außerhalb Nairobis sei der Unterricht über Zoom, Microsoft Teams, Google Classroom oder andere digitale Programme gar nicht vorstellbar. Gachukia hofft, dass die Corona-Krise die Regierung aufrüttelt, in digitale Bildung zu investieren. Projekte wie die Verteilung von Tablet-Computern an alle Schulen gab es, doch sie versandeten. Eine Mischung aus Online- und Präsenzunterricht böte sich gerade in Afrika an, meint er. Schüler müssen beispielsweise oft lange Strecken zur Schule zurücklegen. Viele Schulen sind schlecht mit Lehrmaterial ausgestattet..."

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