Massenweise falsche News-Seiten enttarnt

Es ist die größte Desinformations-Kampagne bisher: Nachgemachte Medienseiten verbreiten pro-russische Propaganda, hunderte Fake-Accounts teilen sie massenhaft in Sozialen Medien.
Die Meldung klingt dramatisch: »Ein Teenager wird in Berlin wegen Einsparungen bei der Straßenbeleuchtung getötet« heißt es auf der Webseite, die haargenau aussieht wie die Online-Nachrichtenseite der »Bild-Zeitung«. In dem Video sieht man einen Polizeieinsatz mit Rettungshubschrauber, untermalt von melancholischer Musik. Die Einblendung: »Der 16-jährige Marius fuhr spätabends mit dem Fahrrad nach Hause. Der Junge sah das Loch in der Dunkelheit nicht und fiel hin.« Er sei verblutet, weil Passanten ihn im Dunkeln nicht gefunden hätten.

An dieser Meldung ist alles falsch: Weder gab es den tödlichen Sturz - ein solcher Unfall ist der Berliner Polizei nicht bekannt, heißt es auf Nachfrage von ZDFheute bei der Pressestelle. Auch werden in Berlin die städtischen Straßenlaternen nachts nicht ausgeschaltet, um Energie zu sparen. Und das Video hat mit der Bild-Zeitung nichts zu tun: Die angebliche Nachrichtenseite ist ein neuer, sehr professionell gemachter Fake - einer von unzähligen.

Webseiten bekannter Medien nachgebaut 
Die Versuche, die öffentliche Meinung in Deutschland mit pro-russischer Propaganda zu beeinflussen, haben offenbar eine zuvor nicht gekannte Dimension erreicht. Bei einer neuen, groß angelegten Desinformations-Kampagne haben Unbekannte massenweise Webseiten großer Medienmarken wie Bild, Welt, t-online oder Spiegel täuschend echt nachgebaut, um genau solche Falschnachrichten und Fake-Videos in die Welt zu setzen. Ein Heer von extra angelegten Fake-Accounts verbreitet in einem zweiten Schritt diese Falschnachrichten in Sozialen Medien.

Der Tenor der meisten Videos und Meldungen: Die Sanktionen gegen Russland müssten aufhören, sonst werde Deutschland verarmen, es drohe Hunger, Menschen könnten im Winter erfrieren, die Wirtschaft kollabieren. Das Ziel der Kampagne: Die Bevölkerung verunsichern, Stimmung machen gegen die Sanktionen. Zuerst hatte t-online über die Kampagne berichtet.

Mehr als zwei Dutzend gefälschte News-Seiten 
»
Sanktionen gegen Russland schaden nur Deutschland«, heißt es in einem Video im Design des Nachrichtenmagazins »Spiegel« »Die Bundeskanzlerin (sic!) will uns in diesem Winter wegen der Unterstützung der Ukraine erfrieren lassen«, warnt ein weiterer Kurzfilm im »Bild«-Design. Bislang wurden mehr als zwei Dutzend neu registrierte Websites entdeckt, die Nachrichten großer Medienmarken imitieren - jede Seite veröffentlichte in der Regel mehrere Fake-Artikel.

Bei t-online fielen bereits im Juli mehrere täuschend echt aussehende Klone der Nachrichtenseite mit Propaganda-Artikeln und Fake-Videos im t-online-Design auf. »Berbock (sic!) bereitet einen Atomkrieg vor« heißt es in einem. In einem anderen wird behauptet, dass die Bundesregierung den Brotpreis deckele und so Bäckereien zwinge, Verluste zu machen. »Bundeskanzler Scholz hat mit den wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland das Todesurteil für Deutschland unterschrieben«, wird dort eingeblendet.

Die Unternehmens-IT habe die zunächst aus den Niederlanden und dann aus Kolumbien ausgespielten Seiten zügig aus dem Netz bekommen, erklärte Chefredakteur Florian Harms. Es schade insgesamt dem Vertrauen, »wenn Akteure mit finsteren Absichten ihre Desinformation als vermeintliche Beiträge vertrauter Medien ausgeben«, so Harms.

Fake-Profile teilen die Propaganda massenhaft 
Doch auch, wenn viele der Seiten gelöscht werden konnten - die Videos sind weiter in Sozialen Medien im Umlauf und die Fälscher sorgen für immer neuen Nachschub. Das Perfide: Ein Heer von vermutlich hunderten Fake-Profilen bei Facebook und Twitter verbreiten die Inhalte tausendfach.

Viele dieser Fake-Accounts, sogenannte »Sockenpuppen«, haben auffällige Gemeinsamkeiten:

  • Das Profilbild sieht aus, wie das Portrait-Foto eines echten Menschen - es wurde jedoch von einer künstlichen Intelligenz erzeugt, beispielsweise von der Website thispersondoesnotexist.com. Darum ist auch immer nur ein Profilfoto der angeblichen Person vorhanden
  • Sie wurden meist im Mai und Juni dieses Jahres angelegt
  • Als Wohnort ist häufig eine deutsche Stadt angegeben
  • Viele der Profile geben bei Arbeitgeber und Ausbildung schlicht »Netflix« an
  • Zwischen den Propaganda-Postings teilen manche der Fake-Profile Inhalte anderer Seiten, um Authentizität vorzutäuschen - beispielsweise Urlaubsbilder, Landschafts- oder Essensfotos.

Facebook verdient an der Desinformation 
Die Fake-Profile teilen die Propaganda-Videos und -Artikel teilweise in ihren eigenen Timelines, posten sie aber auch als Kommentare unter Facebook-Beiträge und Tweets anderer Institutionen: Vor allem bei Medien (zum Beispiel bei der Deutschen Welle, dem »Tagesspiegel« oder dem Bayerischen Rundfunk), bei großen Marken (Mercedes, XXXLutz), auch auf den Facebook-Seiten der US-Botschaft, der Berliner Charité oder der AfD Berlin fanden sich Kommentare mit den entsprechenden Links.

Damit nicht genug: Zuletzt traten auch Seiten bei Facebook in Erscheinung, die diese Fake News nicht nur verbreiteten, sondern dafür sogar noch Werbung bei Facebook schalteten - somit verbreitet sich die Desinformation noch schneller und das Netzwerk verdient daran auch noch Geld. 

Experte: Bisher größte Desinformationskampagne überhaupt 
Andre Wolf vom Verein »Mimikama« aus Österreich entlarvt mit seinem Team seit über zehn Jahren Fake News. Doch so eine groß angelegte Desinformationskampagne hat er nach eigenen Angaben noch nie zuvor gesehen:

»Das hat eine völlig neue Dimension angenommen«, sagt er im Interview mit ZDFheute. Zum einen, weil man die gefälschten Nachrichtenseiten kaum von den Originalen unterscheiden könne. Zum anderen sei auch die schiere Masse der Falschnachrichten bisher einmalig. Die Inhalte seien immer gleich, so Wolf: Pro-russische und anti-ukrainische Propaganda.

Hier hat jemand wirklich über lange Zeit etwas sehr professionell aufgebaut. Das ist eine straff durchgedachte, bis zum Ende durchgeführte Propaganda-Aktion. 
Andre Wolf, Mimikama

Facebook prüft noch 
Wer hinter der Aktion steht, ob die Kampagne von russischen Akteuren initiiert wurde, ist derzeit noch unklar. ZDFheute hat in einer Anfrage an Facebook etliche der Fake-Profile aufgeführt und auch darauf aufmerksam gemacht, dass bezahlte Werbeanzeigen für einige der Propaganda-Artikel geschaltet wurden. Facebook reagierte - die genannten Profile wurden gelöscht, einzelne Werbekampagnen für die Propaganda-Beiträge gestoppt, jedoch längst nicht alle. Die Hinweise würden »sehr ernst« genommen und noch geprüft, hieß es von einer Sprecherin. 

Zur Frage, wer die Profile und Seiten angelegt und die Werbeanzeigen bestellt hat, gab es von Facebook bislang keine Auskunft.

Quelle: ZDF.de, Autor: Oliver Klein