Lehrpläne: Mut zur Lücke

"Viele Schüler haben in der Pandemie Lernrückstände entwickelt. Wie lassen sich die bekämpfen? Ein Vorschlag: die Lehrpläne ausdünnen. Doch das ist umstritten.
Da ist zum Beispiel Alexander. Ein Schüler ihrer zehnten Klasse, kein Abi-Kandidat, aber doch ein »smarter Junge«, wie Anna Lehmann sagt. Der habe während des Lockdowns immer gefragt, ob er nicht doch in die Schule kommen könne. Zu Hause gab es familiäre Probleme. Ohne die Struktur des Unterrichts war er aufgeschmissen, verbrachte die Nächte damit, Spiele im Netz zu zocken. »Der war total verloren«, sagt Lehmann. »Seinen Schulabschluss hat er nur gerade so geschafft.« 

Lehmann ist Lehrerin an einer Berliner Sekundarschule, unterrichtet Deutsch, Geschichte und Erdkunde. Sie heißt eigentlich anders, ihren wirklichen Namen möchte sie für diesen Artikel nicht nennen. Sie fürchtet, Schüler könnten sich wiedererkennen.

Der Lockdown, sagt Lehmann, habe bei ihren Schülerinnen und Schülern Spuren hinterlassen. Besonders bei denen, die vorher schon lernschwach waren oder aus finanziell benachteiligten Familien kommen. Schüler, die sich zu Hause teils noch um ihre Geschwister kümmern mussten, Arbeitsblätter mitunter um drei Uhr morgens schickten, wenn überhaupt.

Von den 22 Schülern ihrer zehnten Klasse habe sich vielleicht die Hälfte zu den Onlineveranstaltungen eingeloggt, sagt sie. Die Zahl derjenigen, die wirklich mitgearbeitet haben, ließe sich an einer Hand abzählen. »Schule ist vor allem Beziehungsarbeit«, sagt Lehmann. »Man muss mit den Kindern sprechen, sie zum Lernen animieren. Sonst hat die Arbeit wenig Sinn.« 

Sommerschulen und Förderprogramme 
Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die schulischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen? Wie hoch sind ihre Lernrückstände wirklich? Gesicherte empirische Daten zu diesen Fragen gibt es bisher nicht. Aber es gibt Beobachtungen – und die decken sich mit Lehmanns Angaben.

Beim Deutschen Schulbarometer, einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Bosch-Stiftung und der ZEIT gaben elf Prozent der befragten Lehrkräfte an, die Pandemie habe bei fast allen ihrer Schüler zu Lernrückständen geführt. 27 Prozent stellten bei mehr als der Hälfte messbare Defizite fest.

Die Bundesregierung hat auf die Situation reagiert, sie stellt im Rahmen des Förderprogramms Aufholen nach Corona insgesamt zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Eine Milliarde soll in Freizeitangebote gehen. Mit der anderen sollen Lernrückstände bekämpft werden. Viele Bundesländer setzen dabei auf freiwillige Sommerschulen und begleitende Förderprogramme. Aber auch andere Konzepte werden derzeit diskutiert: jahrgangsübergreifende Lerngruppen, eine Verlängerung des Schuljahres, der Samstag als Schultag. Eine Forderung ist darunter, die schon seit Jahren immer wieder auftaucht: die, den Lehrplan zu »entschlacken«.

Der Zuspruch dafür scheint da, zumindest bei einem Großteil der Lehrenden. Im Schulbarometer sprachen sich 74 Prozent der Befragten für eine Reduzierung der Lehrpläne aus. Auch Anna Lehmann ist dafür. »Der Lehrplan gibt vor, was man schaffen muss«, sagt sie. »Da hastet man dann durch, ohne den Stoff wirklich zu durchdringen. Wobei man auch vor der Pandemie nie bis zum Ende kam.« Irgendwas war immer: Schulausfälle, kranke Lehrer, Streit in der Klasse...

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