Homeschooling: Generation Greta und ich. Auch die Lehrer muss man kontrollieren

"Meine Tochter ist 17 Jahre alt. Früher habe ich ihr die Welt erklärt. Seit einiger Zeit erklärt sie mir ihre Welt. Ich habe mich entschlossen, zuzuhören.

MUTTER: Na, wie war die zweite Woche Schule? 
TOCHTER: Einerseits legen viele Lehrer jetzt wieder richtig los, weil wir viel nachzuholen haben. Andererseits haben wir ständig frei, wegen der Abiturprüfungen, wegen unserer Klausuren und der vielen Feiertage. Aber es ist gut, dass ich überhaupt mit einem Ziel irgendwo hin gehen kann. Ich habe jetzt nicht mehr das Gefühl, ich verschwende meine Zeit.

Homeschooling war Zeitverschwendung?
Ja, auf jeden Fall. Ich hab zwar viel gemacht, aber viel gelernt habe ich nicht. Es gab große Unterschiede bei den Lehrern. Manche haben viel gefordert und für jeden Unterrichtsblock für 90 Minuten Aufgaben zusammengestellt, andere haben uns einfach einen Schwung Aufgaben gegeben, die wir lösen sollten. Wir haben keine neuen Themen angefangen. Das müssen wir jetzt aufholen bis zu den Sommerferien. Wir müssen jetzt durchziehen.

Okay, das klingt anstrengend, aber machbar. Die Kleineren haben immer noch keine Schule. Sie verlieren das ganze Halbjahr.
Man kann aber über die Jahre in den unteren Klassen viel aufholen. Das geht in der Oberstufe nicht.

Jedenfalls haben uns die vergangenen Wochen gezeigt, dass Schulen in Heimarbeit nicht funktionieren. Die Organisation hat nicht geklappt. 
Es wird aber wohl noch eine zweite Corona-Welle geben. Da muss man dann vorbereitet sein. Meine Schule hat sich jetzt das Ziel gesetzt, nicht noch mal solche Ausfälle zu haben. 

Was muss sich denn ändern?
Na, auf jeden Fall schon mal die Technik. Wenn sich 1000 Schüler gleichzeitig in eine Cloud einloggen, funktioniert es nicht. Man muss die Klassen auf verschiedene Server und Anbieter verteilen. Und man kann keinen Präsenzunterricht machen. Das funktioniert nicht. Viele Schüler essen, hören Musik nebenbei und gucken dann ab und zu mal auf den Rechner, weil sie niemand kontrolliert. Das einzige, was funktioniert, ist, schriftlich Fragen zu stellen und Antworten zu verlangen, und zwar in einem Zeitaufwand, in dem normalerweise Unterricht stattfinden würde. Man kann auch Analysen und aufwendige Projekte in Auftrag geben, für die normalerweise im Unterricht nicht genug Zeit wäre. Aber vor allem müssen die Schüler für den nächsten Corona-Lockdown lernen, wie sie sich selbst was beibringen können.

Das setzt aber bessere Organisation voraus. Die Schüler brauchen Material. Sie müssen wissen, wo sie die entsprechenden Inhalte finden und Lehrer müssen das auch einfordern.
Es sollte festgelegt werden, wann was abzugeben ist und es muss benotet werden, damit es einen Ansporn für die Schüler gibt und sich die Arbeit lohnt, sonst lehnen sich viele zurück. Und man muss auch die Lehrer kontrollieren. Manche Lehrer denken, sie haben Ferien. Es gibt viele engagierte Lehrer, aber eben auch welche, die sind schmerzfrei und machen gar nichts.

Das wäre doch eine gute Aufgabe für die Politik: Ein einheitliches Regelwerk für alle Schulen in allen Bundesländern, wie so was funktionieren kann.
Na ja, unsere Schulform hat sich im Verlauf von Jahrhunderten durchgesetzt, nicht innerhalb von ein paar Wochen. Man kann zu Hause nicht alles machen."

Zur Kolumne der Berliner Zeitung.