Alternative Schulen: Die Internetschule

"Karina Köster ist von der Schulpflicht befreit und lernt schon lange von zu Hause aus. Ihre Schulleiterin weiß, wie Homeschooling auch nach der Pandemie gelingen kann. 
Balou habe es zuerst gespürt, da ist sich Karina Köster sicher. Ihr Pferd merkte, dass etwas nicht stimmte, dass sie Angst hatte. Wer etwas zu verbergen hat, sollte sich vor Pferden fernhalten, heißt es. Tatsächlich können laut japanischen Wissenschaftlern von der Universität Hokkaido die Tiere erfühlen, wenn Menschen aufgeregt sind. Wie Balou eben. Das war vor etwa zwei Jahren. Als langsam, aber heftig die Schwere in Karina hochkam, die Gewissheit, nicht aufstehen zu können, wenn es morgens zur Schule gehen sollte. Bauchschmerzen, Weinkrämpfe, Erbrechen und Panikattacken kamen dazu. »Mein Pferd wollte auf einmal nicht mehr mit mir springen. Es wusste, dass etwas nicht stimmte«, erzählt die heute 16-Jährige. Ihr Gang zum Stall ist seitdem an vielen Tagen der einzige Weg aus dem Haus ihrer Eltern. »In der Schule ist nichts vorgefallen. Ich konnte dort nur nicht mehr hingehen«, sagt sie. Die Jugendliche leidet unter einer unspezifischen Angststörung. 

Die Schule besucht sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr, unterrichtet wird sie zu Hause, Wochen, bevor es in der Pandemie bundesweit üblich wurde. Heimunterricht ist in Deutschland eigentlich untersagt, es gilt die Präsenzpflicht in der Schule. Nur wenige Kinder haben eine Sondergenehmigung: Junge Menschen mit Behinderungen, Kinderstars, Betroffene von Mobbing oder Kinder, die an psychischen Erkrankungen leiden. Kinder wie Karina. Sie besucht nun die web-individualschule aus Bochum. 200 andere Schülerinnen und Schüler gibt es dort, die rein digital unterrichtet werden. Seit dem Jahr 2006 ist die Lehranstalt als Fernschule anerkannt.

Prominente Schüler wie Bill und Tom Kaulitz 
Um hier angenommen zu werden, braucht es einen triftigen Grund. In der Regel haben die Schülerinnen und Schüler schwere psychische Störungen, die es ihnen unmöglich machen, eine reguläre Schule zu besuchen. »Allein 40 Prozent der Kinder stammen aus dem Autismus-Asperger-Spektrum, sie haben Sozialphobien oder Depressionen«, sagt die Schulleiterin Sarah Lichtenberger. Letztlich entscheidet das Schulamt nach ärztlichem Befund, ob ein Kind für die Schule zugelassen wird. Die Schulkosten von 910 Euro monatlich übernimmt in den meisten Fällen das Jugendamt.

Vor 15 Jahren übernahm Lichtenberger, heute 40 Jahre alt und selbst zweifache Mutter, die Fernschule von ihrem Vater. Lichtenberger machte sie durch berühmte Schüler wie die Zwillinge Bill und Tom Kaulitz von der Band Tokio Hotel in den Nullerjahren deutschlandweit bekannt. Zuvor hatte die Schulleiterin der Mutter der beiden Teenie-Stars eine Mail geschrieben, ob die web-individualschule für ihre Söhne infrage kommen könnte. 

Die Brüder waren damals zu prominent für eine normale Beschulung, Groupies campierten am Schulzaun. Das Lernen per Webcam war für die beiden die einzige Möglichkeit, überhaupt ihren Realschulabschluss zu machen. »Als mein Vater die Schule in den Neunzigern eröffnete, gab es ganz andere technische Probleme als heute«, sagt Lichtenberger. Die damaligen Router fielen oft aus, ein großer Teil der Haushalte hatte noch gar kein Internet. Oft musste der Unterricht über die Post und das Telefon funktionieren. Zwei Jahrzehnte später sind technische Schwierigkeiten kein Thema mehr.

25 Lehrerinnen und Lehrer unterrichten die Kinder ausnahmslos digital, in sechs Kernfächern: Deutsch, Mathe, Englisch, Biologie, Erdkunde, Geschichte. Einige Schüler sehen die Pädagogen an jedem Wochentag, andere sind so schwer erkrankt, dass sie nur unregelmäßig Schule machen können. Die Lehrerinnen kommunizieren mit den Schülerinnen und Schülern einzeln über Videochat, gehen Aufgaben durch, besprechen Unklarheiten. Eine Schülerin, eine Lehrerin – so entsteht eine enge, gefestigte Beziehung für das Lernen. In der Regel haben die Kinder zwei bis sechs Stunden Videounterricht am Tag. Dann machen sie selbstständig Übungen, jeder in seinem eigenen Tempo. »Manche sind so krank, dass sie eine Stunde schaffen und dann erst einmal lange schlafen müssen, andere wollen sechs Stunden am Tag lernen«, sagt Lichtenberger. Die Lehrerinnen und Lehrer richteten sich danach..."

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