"Wir denken oft, Noten seien gerecht – aber das täuscht"

Sind Noten und Prüfungen an Schulen noch zeitgemäß? Unsere Autorin hat beim Gymnasiallehrer und Didaktiker Philippe Wampfler nachgefragt.
In diesen Tagen beginnt für viele Kinder und Jugendliche in der Schweiz das neue Schuljahr. Während es für die Erstklässler noch eher gemächlich zu und her geht, stehen für die die meisten Kinder ab der Mittelstufe kurz nach den Ferien bereits Prüfungen an. Schließlich braucht es genügend Noten für das nächste Zeugnis, für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium, für den Übertritt in die gewünschte Sekundarschule oder für die Bewerbung auf eine Lehrstelle. 

Für viele Familien sind Noten ein ambivalentes Thema – ähnlich wie die Hausaufgaben. Die einen Eltern finden sie unverzichtbar, andere sagen, sie gehörten abgeschafft. Auch Schulen und Lehrpersonen sind geteilter Meinung. Insbesondere seit der Einführung des Lehrplans 21 sorgen die Themen Prüfen, Beurteilen und Benoten für Gesprächsstoff.

Eine Lehrperson, die sich klar gegen Noten ausspricht, ist Philippe Wampfler. Er ist Lehrer an einem Gymnasium, Fachdidaktiker, Kulturwissenschaftler und Experte für Lernen mit Neuen Medien. Kürzlich ist sein Sachbuch »Hybrides Lernen« erschienen, im Herbst kommt das nächste »Schule ohne Noten« in den Buchhandel. Der Mamablog hat den Pädagogen für ein Online-Gespräch getroffen und nachgefragt, was ihn zu dieser klaren Haltung bewegt.

Herr Wampfler, warum sind Schulnoten ein so großes Thema in Ihrem Leben? 
Einerseits bin ich Vater von drei Kindern und erlebe in der eigenen Familie, wie stark Noten die Kinder und Eltern beschäftigen. Andererseits vergebe ich als Lehrperson selbst Noten und empfinde es je länger je mehr als Belastung. Am Anfang meiner Karriere benotete ich gerne. Doch je mehr das Benoten für mich zur Routine wird, je mehr Erfahrung ich habe und je besser ich unterrichte und bewerte, desto sinnloser fühlt es sich an.

Was macht das Benoten für Sie so sinnlos? 
Es gibt viele Faktoren. Einer ist sicherlich, dass ich im Unterricht von den Schülerinnen und Schülern nicht nach den Inhalten gefragt werde, die sie interessieren. Sie wollen einfach wissen, was an der Prüfung kommt. Das behindert den Lernprozess. Die Noten haben ein viel zu großes Gewicht. Und sie führen zu Frustration  und Stress, auch für die Lehrpersonen. Das Vergeben von Noten bedeutet für sie sehr viel Bürokratie und ist
– seien wir ehrlich – auch oft willkürlich.

Willkürlich? 
Eine Faustregel sagt, dass Noten im selben Fach bei einer anderen Lehrperson um fast eine Note nach oben oder unten abweichen können. Ich mache ein weiteres Beispiel: Viele Lehrpersonen fragen mich in Weiterbildungen, wie man noch ohne Willkür benoten oder Prüfungen durchführen soll, wenn die Schülerinnen und Schüler Zugang zum Internet und digitalen Geräten haben.

»Eigentlich müssten die Schüler selbst sagen, welche Schule zu ihnen passt.«

Ist es nicht verständlich, dass eine Benotung in diesem Fall schwierig ist? 
Sicher. Die Note steht in diesem Beispiel nur im Weg. Eigentlich ist es doch gut, dass sich die Schüler im Netz helfen lassen. Wir alle recherchieren im Internet. Nur in der Schule soll man das nicht können, weil die Lehrpersonen dann die Arbeit nicht mehr benoten können.

Man könnte auch den Zugriff auf das Internet und die Geräte einschränken. 
Das ist doch, als ob die Schulen Pferde gekauft hätten und dann müssten die Schüler neben den Pferden her laufen, anstatt auf ihnen zu reiten – mit der Begründung, auf den Pferden seien sie schneller. Das macht doch keinen Sinn.

Aber ist es denn nicht auch irgendwie sinnlos, Wissen im Internet abzuschreiben und Hilfe durch zum Beispiel Rechtschreibprogramme zu erhalten?

Das Internet ist doch eine Unterstützung. Wenn ein Kind eine Brille hat, muss es diese auch nicht ablegen und wir sagen ihm in der Schule: So bist du nun mal zur Welt gekommen, du musst jetzt ohne Brille lesen. Wir Erwachsenen müssen später auch einen Weg finden, uns zu helfen.

Die Digitalisierung hat also einen großen Einfluss auf die Frage, ob Noten noch zeitgemäß sind? 
Mit der Digitalisierung findet der Unterricht mehr auf Augenhöhe statt. Das Überwachen durch Lehrpersonen wird schwieriger und Vertrauen ist ein großes Thema. Ich frage mich daher: Warum wollen so viele Lehrpersonen so viel Kontrolle auch mit den digitalen Tools? Und komme zum Schluss: Die Schule stützt sich zu sehr auf Noten. Damit sich etwas ändern kann, damit sich die Schule entwickeln kann, müsste man von den Noten wegkommen.

»Ganz schlimm finde ich, wenn Eltern den Kindern dann noch die Hobbys streichen, damit sie für die Schule mehr lernen.«

Für wen sind Noten denn gut? 
Für uns Lehrpersonen sind Noten grundsätzlich bequem. Mein Verständnis ist jedoch, dass ich die Schülerinnen im Lernprozess unterstütze. Wenn ich sie benote, indem ich sie abfrage und sie klassifiziere, bin ich in einem Rollenkonflikt.

Und das schadet der Beziehung? 
Ja. Die Beziehung ist für das Lernen elementar.

Gehen wir mal davon aus, es gäbe keine Noten mehr. Wie teilt man dann Kinder und Jugendliche fair ins Gymnasium ein? 
Die Einteilung und die Noten sind heute schon nicht fair. Die einen Kinder sind vielleicht neurodivers oder haben nicht genug gute Deutschkenntnisse und trotzdem gehörten sie ins Gymnasium. Eigentlich müssten die Schüler selbst sagen, welche Schule zu ihnen passt. Damit meine ich nicht eine freie Schulwahl, sondern Vielfalt.

Ich höre schon den Aufschrei in der Bevölkerung. 
Schülerinnen und Schüler sind durchaus in der Lage, begleitet solche Entscheidungen zu fällen. In Gesprächen kann man mit ihnen thematisieren, welche Schule die richtige ist. Welche Verpflichtungen und Fähigkeiten in welcher Schule erwartet werden. Welche Commitments. Und dann schließen die Schulen mit den Jugendlichen zum Beispiel Verträge ab.

Und Prüfungen? Gehören die in ihren Augen auch abgeschafft? 
Nicht unbedingt. Aber die Schüler sollten die Prüfungen dann machen können, wenn sie parat sind. Wir wissen schon lange: Jedes Kind will lernen, kaum ist es auf der Welt. Kindergartenkinder wollen lernen. Erwachsenen spricht man das freiwillige Lernen auch wieder zu. Aber den Schülern zwischen Kindheit und jungem Erwachsenenalter traut man das freiwillige Lernen nicht zu.

Was meinen Sie, warum wir Erwachsenen so denken? 
Weil wir praktisch alle Schulen besuchten, die Noten vergaben. Und irgendwann lernten wir eben wirklich nur noch, weil es Prüfungen und Noten gab. Und nicht mehr, weil wir uns Wissen aneignen wollten.

»Unser System hilft einer Elite, ihren Status zu halten. Das ist eine unbequeme Wahrheit.«

Gerade Eltern mit einem akademischen Abschluss wollen oftmals Kontrolle durch Noten. 
Man kann immer sagen, Eltern seien das Problem. Bei Eltern gibt es eine große Palette. Es gibt alle Extreme. Es gibt die, die bestimmte Erwartungen haben und vieles auf ihre Kinder projizieren. Aber es gibt auch die anderen.

Mir sind einige Eltern bekannt, die sich keine Noten wünschten, weil ihre Kinder dann unbeschwerter wären. 
Noten sind für viele Kinder bereits in der Primarschule frustrierend und ein Grund, warum ihnen die Schule früh verleidet. Ich kenne Erwachsene, die haben bis heute Traumata deswegen oder Angst zu versagen oder denken, sie seien weniger wert, weil sie keine Matura gemacht haben.

Es geht Ihnen also nicht nur um den Lernprozess und den Aufwand für die Lehrpersonen, sondern auch um einen gesunden Selbstwert der Kinder und später der Erwachsenen? 
»
Ich bin weniger wert als andere« – das lernt das Kind über die Noten. Wenn ein Kind handwerkliches Geschick hat und gerne bastelt oder näht, haben diese Noten keine Bedeutung in unserer Gesellschaft. Nur Mathematik und Deutsch zählen. Es findet so früh eine Wertung der einzelnen Fächer statt, dass die Kinder irgendwann vergessen, wo ihre Stärken sind und was sie eigentlich gerne machen. Ganz schlimm finde ich, wenn Eltern den Kindern dann noch die Hobbys streichen, damit sie für die Schule mehr lernen und bessere Noten schreiben. Dabei gibt es eine ganze Reihe an Faktoren, die eine Note beeinflussen.

Was für welche denn? 
Der Kanton Freiburg hat an 6. Klässlern erforscht, dass die eigene Leistung nur etwa 50 Prozent der Note ausmacht. Die anderen 50 Prozent sind Faktoren, die man nicht beeinflussen kann. Eine Klasse mit sehr starken Schülern zum Beispiel führt zu schlechteren Noten beim Durchschnitt. Ein weiterer Faktor ist, wie gut einen die Eltern unterstützen können. Aber auch die Wahrnehmung der Lehrpersonen, Stereotypisierungen und deren psychologische Verzerrungen spielen eine Rolle.

Forschungen bestätigen ihre Aussagen: Kinder aus Haushalten mit höherer Bildung und größerem Einkommen haben bessere Bildungschancen. 
Wir denken oft, Noten seien gerecht, aber das täuscht. Längsschnittstudien zeigen, dass ein Drittel der Bevölkerung die besten Voraussetzungen hat. Die anderen zwei Drittel haben weniger gute Chancen. Unser System hilft daher einer Elite, ihren Status zu halten. Das ist eine unbequeme Wahrheit.

Quelle: bazonline.ch, Autorin: Marah Rikli