Schule machen

"Geht Lernen auch ganz anders? Als seine Schule von der Schließung bedroht ist, probiert ein Rektor das einfach mal aus. Ein Besuch in Wutöschingen.
Wenn pünktliches Erscheinen ein Indikator für Lernbereitschaft ist, gehen die Schüler der Alemannenschule Wutöschingen glatt als superwillig durch. Es ist noch nicht einmal sieben Uhr morgens und noch zitterkalt, als die ersten von ihnen zum Bläserchor eintrudeln - gut 30 Minuten vor dem offiziellen Beginn des Unterrichts. Der Rektor Stefan Ruppaner begrüßt jeden Schüler mit Handschlag und Namen, wobei die hier nicht Schüler, sondern Lernpartner heißen, und die Lehrer nicht Lehrer, sondern Lernbegleiter. In Wutöschingen findet der morgendliche Bläserunterricht auch nicht in der Schule, sondern im Keller des Rathauses statt - und das sind alles noch die weniger spektakulären Eigenheiten dieser staatlichen Gemeinschaftsschule in der 7000-Einwohner-Gemeinde am äußersten Südwestrand der Republik.

Keine Klassenlehrer, keine Klassenarbeiten, kein Lehrer- und keine Klassenzimmer. Vieles, was man automatisch mit Schule verbindet, sucht man hier vergeblich: Die Gebäuderiegel der Alemannenschule liegen im Ortskern gleich neben Kirche und Rathaus. In den beiden Altbauten hat man vor sieben Jahren die Wände herausgerissen, der Neubau erinnert an einen modernen Campus mit Mensa, Meetingräumen und Bibliothek, in der allerdings komplett die Bücher fehlen. Die braucht hier keiner. Die 650 Schüler und 70 Lehrer nutzen vielmehr iPads und eine digitale Lernplattform namens »DiLer«, die Lehrkräfte der Wutöschinger Schule in Eigenregie entwickelt haben, weil es keine entsprechende staatliche gab.

Über DiLer kann jeder Schüler jederzeit einsehen, wo er steht, was er bereits erreicht hat und was noch vor ihm liegt. Das ist auch deswegen wichtig, weil Stoff in Wutöschingen nicht mehr in synchronem Frontalunterricht, sondern in altersübergreifenden Lerngemeinschaften vermittelt wird, und zwar in einer Geschwindigkeit, die jeder Schüler seinen Fähigkeiten entsprechend wählt. Den Erfolg prüfen die Lehrer statt in angstschweißtreibenden Klassenarbeiten durch sogenannte Gelingensnachweise, die nicht benotet, sondern lediglich als Mindest-, Fortgeschrittenen- oder Expertenstandard eingestuft werden..."

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