Expertin Rahel Tschopp zur Schule der Zukunft in der Schweiz: "Jede Kuh hat mehr politische Unterstützung als ein Schulkind"

Frau Tschopp, was ist eine zeitgemässe Schule? 
Rahel Tschopp: Zeitgemäß wäre, mit Vielfalt umzugehen, statt vom Normkind auszugehen, das es nicht gibt. An unseren Schulen machen immer noch praktisch alle Kinder in der Klasse zur gleichen Zeit das Gleiche. Die Schule hat eine lange Geschichte mit ihren Klassen, Klassenzimmern, einer Lehrerin, Stundenplänen, Lektionen, Fächern, Noten. Wir alle haben diese Schule durchlaufen, und es fehlt uns die Vorstellungskraft, wie Lernen auch noch sein könnte. Doch heute gibt es neue Möglichkeiten, Lernen zu organisieren. 

Konkret: Wie könnte der Morgen einer Sechstklässlerin an einer neuartigen Schule aussehen? 
Nennen wir sie Anna. Sie kommt zwischen 8 und 8.15 Uhr ins Schulhaus, sie will selbständig etwas fertigstellen. Die Lehrperson ist schon da. Um 8.15 Uhr kommen alle Kinder von Annas Gruppe ins Zimmer, Kinder von der 4. bis zur 6. Klasse. Sie beginnen den Morgen im Kreis, nehmen wichtige Themen auf, singen. Dann folgen 90 Minuten individuelles Training. Anna arbeitet in Mathe und in Sprache an ihren Kompetenzen weiter. Für Fragen stehen verschiedene Lehrpersonen bereit. Sie darf mit Gspänli anderer Lerngruppen zusammenarbeiten, sei dies im Zimmer, im Gang, im Außenraum.


Die Schul-Wandlerin: Rahel Tschopp (51) berät und begleitet mit ihrer Denkreise GmbH Schulen im Wandel. Die Primarlehrerin, Heilpädagogin und Schulleiterin studierte Business Coaching und Change-Management und leitete das Zentrum Medienbildung und Informatik an der PH Zürich. Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe »Digitale Transformation« des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Zudem führt sie den Verein Compisternli mit dem Ziel, den Austausch der Generationen zu digitalen Fragen zu fördern. Jüngst war sie beteiligt an der Entwicklung des Kartensets »Wir machen Schule«, das von Schulen und Familien bestellt werden kann und einen großen partizipativen Prozess zur Frage anstoßen will: Wenn ihr eine Schule erfinden dürftet – wie würde die aussehen?


Arbeitet Anna mit Stift und Papier oder mit digitalen Geräten? 
Beides. Sie hat seit der 1. Klasse immer wieder geübt, zu erkennen, womit sie am besten lernt. Brauche ich das Gerät, oder ist es für mich einfacher, etwas von Hand zu notieren? 

Was geschieht nach dem Training? 
Es folgt ein fächerverbindendes Element in der Gruppe. Die Kinder bearbeiten ein Thema und gehen es von verschiedenen Seiten an. Die Gruppe lernt: Die Welt ist komplex. 

Ein Beispiel, bitte. 
Ich gebe ein reales Beispiel: Kinder haben gemerkt, dass auf ihrem Schulweg Salamander überfahren werden. Sie schauen sich das in der Gruppe an, informieren sich, warum die Salamander wandern, was man tun könnte, damit sie nicht überfahren werden, was mit der Gemeinde geregelt werden müsste. Im Werken bauen die Kinder einen Hag, im Zeichnen und Deutsch machen sie einen Zeitungsartikel darüber, sie erstellen vielleicht eine aufklärende Website. Wichtig ist der Fokus auf Stärken statt auf Schwächen: Ein Kind, das in der 4. Klasse noch nicht gut lesen und schreiben kann, wird nicht damit geplagt, sondern darf ein Bild skizzieren, wenn es dort eine Stärke hat. Die Vorbereitung machen die Lehrpersonen verschiedener Lerngruppen gemeinsam. 

Was macht Anna noch? 
Sie bearbeitet selbst ein Thema. Hier lernt sie, dranzubleiben, einen Plan zu machen, zu merken, was sie interessiert. Anna will Architektin werden. In der sogenannten Talentzeit baut sie am Computer in einem 3D-Programm ihr Traumhaus. 

Das klingt nach einer Schule, in der die Neugier der Kinder, die gemäß Studien ja mit jedem Schuljahr abnimmt, erhalten bleibt. 
Das ist so. Man spürt das, wenn die Kinder im symbolischen Sinn mehr Raum haben: Es ist ruhiger auf dem Pausenplatz, es ist entspannter. Manchmal herrscht bei den Schulen ein Stresspegel, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. 

Was ist mit den Lehrerinnen und Lehrern, von denen viele heute schon aus Überlastung dem Beruf den Rücken kehren? Der Aufwand wird für die Lehrperson doch noch grösser, wenn sie auf individuelle Bedürfnisse eingeht. 
Das ist die große Angst. Wenn ich als Lehrperson die Umstellung allein mache, muss ich tatsächlich zuerst mehr arbeiten. Wenn man den Schritt als Team machen kann, ist es klar entlastend. 

Was braucht es, damit ein Wandel in Gang kommen kann? 
Es braucht Personen, die Visionen und Vorstellungen und das Know-how für die Umsetzung haben. Es braucht eine Schulbehörde, die mutig ist und den Wandel unterstützt, ein Team, das bereit ist, mit Veränderung umzugehen, und Eltern, die mitgenommen werden. 

Und wenn die Kommunikation mit den Eltern fehlt? 
Wenn wir andere vor vollendete Tatsachen stellen, löst das Widerstand aus. 

Welche Vorbehalte gibt es gegen Erneuerungen? 
Hinter Ablehnung steckt die Ur-Angst: Mein Kind lernt zu wenig. Lernen ist an unseren Schulen immer noch häufig auf Bulimie-Lernen ausgerichtet: Rein, rein, rein, und dann wieder auskötzeln an der Prüfung. Ich bin überzeugt: Wir können dem einzelnen Kind mit einem individualisierten Ansatz gerechter werden. Im Privatschulbereich gibt es starke Modelle, bei denen wir uns fragen müssen: Warum machen wir das an der Volksschule nicht auch? Warum müssen die Eltern bezahlen, damit ihr Kind dort in die Schule gehen darf? Wichtig: Es gibt auch viele öffentliche Schulen, die sich bewegen und Geniales machen. 

Sie besuchen Schulhäuser und posten auf Social Media Bilder von Lernstudios oder Rückzugsorten für die Kinder. Viele unserer Schulhäuser sind aber dicht belegt. Behindern begrenzte räumliche Kapazitäten den Wandel? 
Man kann aus jedem Raum viel machen. Das bedingt aber die Bereitschaft des Hauswarts, auszurümpeln: Tische raus, Stühle raus – und schauen, wie der Klassenraum anders genutzt werden kann. Braucht wirklich jedes Kind ein Pult? 

Wie klappt es ohne? 
Eine mir bekannte Schule, die ganz wenig Platz hat, hat zusammenklappbare Bett-Tabletts im Werken selbst gemacht. Die Kinder nehmen die, gehen irgendwohin zum Arbeiten, kniend oder mit den Beine darunter. Sie arbeiten am Boden, am Fenstersims. Sie finden immer Möglichkeiten. 

Und haben auch mehr Lust darauf.
Viel mehr! Wenn man herkömmliche Stühle und Tische rausnimmt, sind die Kinder mehr in Bewegung. Man muss aus der alten Denke herauskommen und die Kinder einbeziehen.

Wieso brauchen diese Veränderungen so viel Zeit? 
Jede Kuh hat in der Schweiz mehr politische Unterstützung als ein Schulkind. Wir haben ganz wenige Bildungspolitikerinnen und -politiker, die sich für einen Wandel an den Schulen oder für die Schule per se einsetzen. Die Schulen selbst haben zu wenig Rückhalt; sie brauchen die öffentliche Unterstützung. 

Rasant ging es plötzlich zu Beginn der Pandemie: Es gab einen regelrechten Digitalisierungsschub an den Schulen. Das muss Ihnen gefallen. 
Die Frage ist, was man unter digitalisiertem Lernen versteht. In meiner Wahrnehmung ist es in vielen Fällen ein Rückschritt in der Pädagogik. 

Das müssen Sie erklären. 
Die Kinder machen vermehrt wieder alle dasselbe, einfach an ihrem Gerät. Oder die Lehrperson nutzt ein Smartboard statt der herkömmlichen Wandtafel, alle Schüler schauen nach vorn. Es geht nicht stärker in Richtung individualisiertes Lernen oder Kompetenzorientierung. 

Was wäre besser? 
Für mich ist die große Kunst, einen guten Umgang mit den Geräten zu finden. Und das gelingt nicht, wenn wir als Lehrpersonen sagen, welches Medium das Kind zu nehmen hat. Das Kind selbst muss herausfinden, wie es am besten lernt. Und Lehrpersonen müssen sich damit auseinandersetzen, wie Kinder auch über Medien die sogenannten Future Skills üben: Kommunikation, Kooperation, kritisches Denken, Kreativität. Die Pädagogik muss im Fokus stehen, nicht das Digitale. 

In der Pandemie mussten sich die Lehrpersonen mit digitalen Lernformen auseinandersetzen. Mit nachhaltigem Effekt? 
Die Schere ist noch weiter auseinandergegangen. Manche Lehrpersonen waren froh, mit diesem »Seich« endlich wieder aufhören zu können, oder haben einfach analoge Schulmaterialien mit digitalen ersetzt. Andere sehen Chancen; sie wollen aufbauen, dank der Voraussetzungen, die sie jetzt haben. 

Sie haben als Primarlehrerin, Heilpädagogin und Schulleiterin gearbeitet. Hatten Sie den Drang zum Wandel schon immer? 
Das ist sicher in meinem Naturell. Meine Sozialisierung kommt von der Heilpädagogik. Ich hatte immer mit Kindern zu tun, die nicht in das System gepasst haben. Diese Kinder haben teilweise unglaubliche Gaben, aber diese werden in den Zeugnisnoten nicht erfasst. Meine Frage wurde immer schärfer: Warum passen die nicht? Was können wir tun, damit sie passen? 

Das System anpassen statt das Kind? 
Ja, unser System ist nicht auf diese Kinder ausgerichtet. Wenn ein Kind nicht mithalten kann oder zu schnell ist, hat es ein Problem. Wir müssen Vielfalt als Stärke erkennen. 

Noch ist man vielerorts nicht so weit. Welche Priorität genießt Schulentwicklung angesichts der Belastungen durch Corona, Lehrermangel, Ukraine-Krieg? 
Die Situation an den Schulen ist tatsächlich schon lange belastend. Es gibt Leute, die aus der Krise hinaus noch mehr entwickeln können, andere müssen schauen, dass sie überleben. Sie wollen Schulentwicklung erst angehen, wenn wieder Ruhe eingetreten ist. 

Was für einen Zeithorizont haben Sie selbst? 
Ich hab zwei Seelen in meiner Brust. Eine sagt: Wenn nicht heute, wann dann? Also ein Horizont von 15 Jahren. Es braucht für den Wandel kaum Anpassungen im Volksschulgesetz. Die andere Seele, die seit gefühlt Millionen von Jahren daran arbeitet, sagt: Ach, das wird sich wohl nie ändern. Ich bin aber überzeugt: Es muss sich ändern. Wenn wir uns nicht bewegen, wird die Abwanderung von Kindern und Lehrpersonen aus der Volksschule noch größer sein, als sie es schon ist.

Quelle: Blick.ch, Autorin: Karen Schärer