Digital statt gedruckt: Das zweite Leben des Brockhaus

Jahrzehnte lang war der dicke Wälzer das Nachschlagewerk schlechthin. Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute will Brockhaus bei Schülern und Lehrkräften punkten – komplett digital. Wie das funktionieren soll.
Alle Welt redet vom Internet, von grenzenlosen neuen Informationsmöglichkeiten. Die Brockhaus-Redakteure nutzen es auch zur Recherche, kompetent und kritisch... Wer das Glück hat, noch einen Brockhaus aus dem Jahr 2002 im Regal zu finden, der braucht bloß den schweren, ledergebundenen Deckel aufzuschlagen, um sich schlagartig jung (oder zumindest jünger) zu fühlen. Das Vorwort geht noch weiter, es ist primär ein Loblied auf die neunte Auflage des Lexikon-Klassikers mit all seinen Vorzügen. Doch womöglich schwante manch einem Autor damals schon Böses – aufgrund der schönen neuen Internetwelt. 

Grundsätzlich sei bis 2005 die Euphorie groß gewesen, »die Marke und die Enzy­klopädie noch viele Jahre weitertragen zu können«, sagt zumindest Thomas Littschwager, der heute die Geschäfte bei Brockhaus leitet. Wenig später habe die Lage dann aber anders ausgesehen: Alle Welt redete nicht mehr nur vom Internet, sondern nutzte es auch zunehmend einfach selbst zum Nachschlagen. Wikipedia hatte gesiegt, und Brockhaus musste ein neues Geschäftsmodell entwickeln. Die 21. Auflage von 2005 sollte die letzte sein, 200 Jahre nach Erscheinen der ersten. Die Marke Brockhaus ging erst an Bertelsmann und 2015 dann an das schwedische Unternehmen NE Nationalencyklopedin.

Zielgruppe: Lehrer, Schüler, perspektivisch auch Studenten. NE vermarktet traditionell die schwedische Nationenzyklopädie – und auch davon nicht mehr allzu viele gedruckte Versionen. Das kleine Buchverlagsgeschäft existiere nicht zuletzt aufgrund einer gesetzlichen Vorgabe noch. Digitale Bildungsanbieter müssten demnach auch gedrucktes Lehrmaterial bieten. Dessen Bedeutung ist in Schweden geringer als in Deutschland, gelten die Skandinavier bekanntlich als digitale Musterschüler auch im Bildungsbereich. »Mittlerweile haben in Schweden mehr als 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Zugang zu den NE-Services mit den Nachschlagewerken oder digitalen Lehrmaterialien«, sagt Littschwager. Gerade das Geschäft mit Lehrmaterialien wachse stark. Littschwagers Aufgabe besteht darin, mit Brockhaus dieses Segment auch in Deutschland nach vorne zu bringen.

Vier Bundesländer haben Landeslizenz erworben 
»Im Prinzip bieten wir zwei Service-Pakete«, sagt er. Geprüfte Inhalte in Form eines Online-Nachschlagewerks plus Selbstlernkurs seien der eine Teil. »Der Fokus des anderen Bereichs liegt – wie in Schweden – auf digitalen Lehrmaterialien für Schulen.« Die Bedingungen sind hierzulande durch das föderale Bildungssystem mit vielen verschiedenen Lehrplänen und dem digitalen Rückstand natürlich andere. Über Landeslizenzen mit Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern hätten derzeit fast 2,7 Millionen Schülerinnen und Schüler grundsätzlich Zugriff auf Brockhaus-Produkte, zählt er auf. Ob Schulen tatsächlich mit Brockhaus-Tests, Präsentationen, Arbeitsblättern oder dem Nachschlagewerk arbeiten, steht freilich auf einem anderen Blatt.

»Das Geld und die Bereitschaft sind da, aber das deutsche Schulsystem funktioniert eben nur bedingt so, dass Inhalte zentral eingekauft werden und alle Schulen sie benutzen«, sagt Littschwager. »Letztlich möchte im Prinzip jede Schule gerne selbst darüber entscheiden, mit welchen Materialien unterrichtet wird.« So kann es durchaus vorkommen, dass Lehrkräfte in einem Bundesland von der Brockhaus-Landeslizenz noch nie gehört haben. Als erster Schritt seien sie dennoch wichtig, sagt Littschwager. Entsprechend laufen Verhandlungen mit anderen Ländern.

Mit dieser Basis trete Brockhaus dann an einzelne Schulen heran, stelle die Angebote vor und schule auch Lehrkräfte im digitalen Unterrichten. Damit habe sein Team erst in diesem Jahr begonnen, sagt er, und noch seien auch nicht für alle Fächer und Schulformen Materialien im Angebot. Die Marke Brockhaus aber helfe sehr. »In Ministerien und auch unter Lehrkräften kennt fast jeder noch den alten Brockhaus, das ist ein großer Vorteil«, sagt Littschwager. Nur denke bei Brockhaus nach wie vor fast jeder an schwere schwarze Bücher, und das, »obwohl der ehemalige Verlag schon früh auch andere Produkte entwickelt hatte und wir heute ausschließlich digitale Inhalte anbieten«. Einst bekam die CD-Version der Enzyklopädie sogar den gleichen, wenn auch rein dekorativen Einband verpasst wie die Bücher selbst.

Und ewig grüßt Wikipedia – nicht nur zum Nachteil von Brockhaus 
Was das Unternehmen wohl nie loswird, ist der Verweis auf Wikipedia. Zu eng ist das Ende der gedruckten Version mit dem Siegeszug der freien Online-Enzyklopädie verbunden. Mindestens einen Wikipedia-Kommentar höre er in Gesprächen fast immer, sagt Littschwager. Aber einerseits sei das digitale Nachschlagewerk nur noch ein Produkt von Brockhaus, und andererseits sei der Bedarf nach schülergerecht aufbereiteten und vor allem geprüften Informationen in Zeiten von Fake News durchaus vorhanden. Referate mit der Quellenangabe Wikipedia kommen bekanntlich ohnehin weder in der Schule noch später an der Universität gut an.

Das altbekannte Schreckgespenst ist für die Brockhaus-Pläne wohl auch weit weniger ein Problem als die etablierte Konkurrenz an den Schulen. Platzhirsche wie die großen Schulbuchverlage Cornelsen, Ernst Klett oder die Westermann-Gruppe haben längst eigene digitale Lehrmaterialien und Unterrichtstools im Angebot. »Die klassischen Schulbuchverlage wollen digitaler werden, aber gleichzeitig müssen sie auf ihr nach wie vor starkes Kerngeschäft mit gedruckten Inhalten Rücksicht nehmen«, sagt Littschwager. Das soll Brockhaus in die Karten spielen, denn die eigenen Angebote seien direkt und ausschließlich digital entwickelt. Rein digitale Konkurrenz gebe es hauptsächlich auf dem »Nachmittagsmarkt«, die Nachhilfeanbieter seien auf diesem Gebiet schon recht weit. Per­spektivisch sind auch Angebote für Universitäten denkbar, sagt er. Zunächst soll Brockhaus sich aber auf die Grundschule und die Sekundarstufe I (5. bis 9. oder 10. Klasse) fokussieren. Dafür umgarnt Brockhaus neben fachbezogenen Redakteuren auch explizit Lehrer. 

Jeder, der an den Unterrichtsutensilien arbeite, ist laut Littschwager zuvor einmal im aktiven Schuldienst gewesen. Hauptsächlich seien dies Lehrkräfte, die explizit nicht mehr unterrichten wollten, oder solche, die schlicht keine zufriedenstellende Anstellung gefunden haben. Über das Netzwerk an derzeit rund 100 freien Autoren arbeiten auch noch in der Schule aktive Lehrer parallel für Brockhaus. »Wir pflegen unsere Enzyklopädie weiter und freuen uns, dass das Angebot gut angenommen wird«, sagt Littschwager. Der Fokus aber liege in Zukunft darauf, das »Lernerlebnis« für Schüler und Lehrkräfte »so digital und einfach wie möglich zu gestalten«. Viel zu tun ist auf diesem Gebiet in Deutschland zweifellos. Vielleicht ist auch die Brockhaus-Vergangenheit irgendwann Stoff für die Schule. Physisches Anschauungsmaterial findet sich zuhauf beim Online-Marktplatz Ebay.

Quelle: FAZ.NET, Autor: Benjamin Fischer