Ein amerikanisches Internat verbietet Smartphones. Die Wirkung auf Jugendliche ist positiv

Handys machen nicht nur glücklich, das zeigt sich gerade bei Jugendlichen. In der Buxton School in Massachusetts dürfen Schüler ihre Telefone nicht mehr benutzen. Ein Beispiel, das Nachahmung verdient.
Es begann alles mit einem Streit zwischen zwei Internatsschülern an der Buxton School in Williamstown (US-Bundesstaat Massachusetts) im Herbst 2021. Nichts Besonderes unter Teenagern. Unerwartet aber war, dass ein anderer Schüler zum Smartphone griff, um das Handgemenge live zu streamen. Das Video ging auf dem Campus viral. Der Schock kam einige Monate später, als die Schule fürs neue Schuljahr Smartphones verbannte – auch für die Lehrer. Nun geriet die Internatsleitung ins Feuer der Kritik. Die Generation Z, auch iGen genannt, weil sie mit iPhones aufgewachsen ist, tobte wider den Drogenentzug.

Die Lehrer störten sich jedoch schon länger daran, dass Schüler – im Unterricht wie beim gemeinsamen Essen – stets mit gesenktem Blick an den Geräten klebten. Die Gemeinschaftsräume blieben leer. Die Schüler verzogen sich nach dem Unterricht in ihre Zimmer, wo sie tippten, wischten und klickten. Der Geschichtslehrer John Kalapos, selber einst Zögling des Internats, sagt: »Nicht das wirkliche Leben, sondern die iPhones waren die Welt der Schüler.« Hinzu kam der digitale Ausschluss von Mitschülern. »Der schafft eine Dynamik«, so Kalapos, »die physisch unsichtbar, aber sozial mächtig ist.« Lockdowns mit Zoom-Überlast und online Lernen hatten das digitale Verhalten untereinander nur noch verschlimmert.

Die Aufmerksamkeitsdiebe in der Hosentasche 
Die Buxton School in den malerischen Berkshire-Hügeln wurde vor fast hundert Jahren gegründet. »Live youreducation«, oder »Entdecke Dich selbst« sind Mottos der Schule; Kunst Theater, Bibliotheken, Labore stehen zur Erfüllung aller Träume zur Verfügung. Doch die »Aufmerksamkeitsdiebe« in der Hosentasche torpedierten das Konzept, junge Menschen zu einem kreativen, selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Ständig klingele es in unserer Tasche, im Ohr, am Arm.

Die Schule erklärte, sie habe »diese Entscheidung nicht aus heiterem Himmel gefällt, sondern bedacht und mit ganzen Herzen«. Die Gründe? »Jederzeit hätte es in unserer Tasche, im Ohr, am Arm. Die Dauer-Ablenkung verschaffte keine Zeit oder Ruhe, geschweige denn das seelische und geistige Wohlbefinden, das man hier zu kultivieren versuchte«.

Die Schulleitung wisse sehr wohl, »dass Buxton keine Insel ist, sondern in dieser Welt verankert ist«. Dennoch sei die Schule nicht identisch mit der Außenwelt, wo die Smartphones allgegenwärtig sind. Das Internat wolle seit seiner Gründung »einen sinnvollen Raum schaffen, wo Menschen sich selber und einander erkennen.« 

Maschinenstürmerei ist der iBann nicht. Erlaubt bleiben Computer und Laptops. Der Clou: Die Kinder können weiterhin mit ihren Eltern plaudern – nur eben nicht per Smartphone, sondern mit dem »Light Phone«, auch »Dumb Phone« genannt, mit dem man sogar (wenn auch nur ärgerlich langsam) texten kann. »Wir haben keine Angst, dass 32 Wochen im Jahr ohne Smartphone die Vorbereitung auf das spätere Leben verhindert.« Das Verbot sei kein Schritt zurück, sondern nach vorn – in die Gemeinschaft.

Hat es funktioniert? »Erstaunlicherweise ja«, sagt Senior Director Franny Shuker Haines. »Den Schülern fehlen ihre Geräte und sie sind von den Grenzen des Light Phones frustriert, aber sie sind angenehm überrascht von den sozialen Auswirkungen des Banns; sie reden mehr, spielen mehr miteinander und sind draußen wie drinnen einfach viel aktiver als zuvor.« 

Weniger narzisstisch, dafür sorgenvoller 
Die Generationenforscherin Jean Twenge von der Universität San Diego, der wir das vielzitierte Buch »Generation Me« verdanken, hat mit ihrem Team vor vier Jahren »iGen« vorgelegt. Der lange, holprige Untertitel, ins Deutsche übersetzt: »Warum die total verknüpften Kids keine Rebellen mehr sind, sondern so tolerant wie unglücklich – und unvorbereitet für eine Erwachsenen-Existenz.«

Die iGen-Kinder seien zwar nicht so narzisstisch und selbstbezogen wie GenX und Millennials (die ab 2000 geboren wurden). Aber ihre Sorgen und Depressionen seien angestiegen. Wieso? Die Forscher vermuten einen Zusammenhang mit den süchtig machenden sozialen Medien.

Twenge beschreibt eine Generation, deren Vertreter zwar tendenziell nicht so narzisstisch und selbstbezogen wie jene der Gen X und der Millennials, aber sie litten häufiger unter Sorgen und Depressionen. Twenge und ihr Forschungsteam vermuten einen Zusammenhang mit den süchtig machenden sozialen Netzwerken.

Dass die Dauerbeschäftigung Angst schürt, haben auch schon Experimente mit Studenten gezeigt. So mussten 2013 einige Probanden das Telefon abgeben, andere sollten es auf lautlos stellen. Wer das iPhone sparsam benutzte, zeigte kaum Panik. Jene, die es häufig nutzten, ängstigten sich umso mehr. Die sozialen Netzwerke sind also asoziale Netzwerke, die Isolierung und Beklommenheit befördern.

Sie lassen in dem Twenge-Buch Teenies zu Wort kommen, die ihre Vereinzelung beklagen. Wenn sie zusammensitzen, reden sie nicht miteinander, sondern starren auf ihre Mini-Bildschirme. Sie sind dauernd auf Sendung. Das beginnt am Morgen im Bett, wenn das Handy sie aufweckt. Es endet am Abend, wenn nach dem letzten Check das iPhone auf dem Nachttisch oder gar unter dem Kopfkissen abgelegt wird. Twenge schreibt über die Jugendlichen, die sie befragt hat: »Sie redeten über ihr Telefon wie ein Süchtiger über Crack: ‘Ich weiss. ich sollte nicht, aber ich kann’s nicht lassen.’« 

Soziale Netzwerke sind asozial 
Dass der Dauerbeschuss Angst schürt, haben schon 2013 Experimente mit Studenten gezeigt. Einige Probanden mussten das Telefon abgeben andere es auf lautlos stellen. Fazit: Wer das iPhone am sparsamsten benutzte, zeigte kaum Panik. Die schoss bei denen hoch, die häufig nach ihm griffen. Die sozialen sind also asoziale Medien, die Isolierung und Beklommenheit befördern.

Die Buxton School hat es bestätigt. Die Kinder sonderten sich mit ihren Geräten in ihren Zimmern ab. Freilich geht es der Generationenforschung nicht um Nostalgie, geschweige denn um reaktionäre Reflexe wie »Früher war alles besser«. Das Smartphone hätte sogar einen ungeahnten Nebeneffekt. Jugendliche bauen überproportional Unfälle. Doch die iGen-Teens machen den Führerschein viel später als die Jugend vor ihnen. Sie sind häuslicher und zuvorkommender. Statt altersgemäss die Regeln zu brechen, wollen sie nichts falsch machen, notiert Twenge.

Die Schattenseite? Sie machen weniger Hausaufgaben, jobben, was das Realitätsbewusstsein schärft, tun sie auch viel weniger als vorherige Generationen. Wer fünf Stunden am Tag im eigenen Zimmer hockt, vernachlässigt auch den direkten Kontakt mit Familie und Freunden. Snapchat und Instagram sind unkomplizierter als das Vis-à-vis.

Teenager, die mehr Zeit miteinander verbringen, sind glücklicher, nicht so einsam und depressiv, besagt die Forschung. Das Digitale ist kein Ersatz für die Eins-zu-eins-Begegnung, in der soziale Fertigkeiten gelernt und andere Meinungen ausgetauscht werden. Zu oft werden solche auf Twitter einfach weggemobbt.

Umsichtiger geworden dank Verzicht auf soziale Netzwerke 
Zurück nach Buxton. Was zeigt die »No-iPhone-Zone« nach drei Monaten? Die Schüler toben nicht mehr. Lehrer berichten, die Kids seien nunmehr engagierter. Auch die Lehrer mussten sich anpassen. »Das wichtigste Ergebnis ist«, so Shuker-Haines, »wenn wir auf dem Campus zusammen sind, sind wir alle wirklich anwesend, ohne die ständige Ablenkung und Unterbrechung durch Smartphones.« 

Wie nachhaltig mag diese elektronische Fastenkur sein? Die Daten bieten noch keine lange Zeitreihe. Doch Anna Lembke, Professorin für Psychiatrie und Suchtmedizin in Stanford und Autorin von »Dopamin Nation«, hat schon lange solche Experimente gefordert. Soziale Medien und Cyber Mobbing seien verantwortlich für psychische Probleme von Teenagern – von Essstörungen bis zu Angst-Attacken. Lemke findet es »unrealistisch und unfair, von den Schülern zu erwarten, sich ohne Hilfe selber zu steuern.« 

Diese »Steuerung« hat Buxton übernommen. Der erste Test waren viertägige Kurzferien, als die Zöglinge ihre Smartphones mit nachhause nahmen. Zunächst empfanden sie es verwirrend, als täten sie etwas Verbotenes. Eine Mutter berichtete, dass ihr Sohn massenhaft Apps gelöscht habe und geradezu erleichtert gewesen sei. Er habe plötzlich viel Zeit mit Freunden verbracht. Eine Zwölftklässlerin erzählte, sie hätte neue Freunde gefunden und wäre mit dem Verzicht sozialer Medien umsichtiger geworden. Nun fühle sie sich besser vorbereitet fürs College.

»Ich denke, dieses Experiment sollte im ganzen Land, in der ganzen Welt in irgendeiner Form durchgeführt werden«, sagt Lembke. Buxton könnte Vorbild sein, Eltern und Lehrer an anderen Schulen dazu ermuntern, Smartphones im Schulalltag zu ächten. »Keine Ahnung, ob ich je wieder ein Telefon andauernd dabei haben werde?«, grübelte die 17-jährige Yamalia. »Ich hoffe nicht.«

Quelle: Neue Züricher Zeitung, Autorin: Christine Brinck