Matthias Horx: "Überhitzung ist das Narrativ der 20er-Jahre"

"Der digitale Hype ist vorbei, dafür kommen die großen Gesellschafts-Themen zurück - so sieht Matthias Horx das neue Jahrzehnt. Beim Deutschen Medienkongress spricht der Zukunftsforscher über »Medialution - Die Evolution aus der Sicht der Zukunftsforschung«. Und im Gespräch mit HORIZONT Online verrät er, was sich in den nächsten Jahren verändern wird.

► Herr Horx, was wird die 20er-Jahre ausmachen? Wir werden eine Renaissance der großen Gesellschafts-Themen erleben. Die gegenwärtigen Spaltungsprozesse erschrecken uns zunehmend - auf der sozialen, ökologischen und auch medialen Ebene. Dagegen werden sich neue Bewegungen bilden, die das nicht hinnehmen wollen. Zum Schlüsselthema wird die CO2-Frage, weil sich daran sehr viel festmachen lässt. Die globale Überhitzung ist das große, übergreifende Narrativ der 20er-Jahre. Es umfasst aber nicht nur den Klimawandel, sondern auch geistige, emotionale und mediale Überhitzung. Es gibt einfach von allem zu viel: Zu viel schlechte Nahrungsmittel,  zu viel Wegwerf-Kleidung, zu viel verdorbene Information. Wir sind auch medial überhitzt, fast jeder von uns.

► Werden wir denn wieder herunterkühlen? Es muss nicht immer alles bruchlos verlaufen, sicher ist das auch ein krisenhaftes Geschehen. Aber es gibt keine Alternative dazu, unseren Kopf wieder ein Stück weit auf Distanz zu dieser Hypermedialität zu  bringen, die uns täglich die ganze Welt als Skandal oder Kaufanreiz um die Ohren haut. Das heißt auch, dass viele Formate schlichtweg scheitern werden, von denen sich Verleger das große Geschäft im Digitalen erwartet haben.

► Schwächt sich die digitale Euphorie ab, die die beiden vergangenen Jahrzehnte geprägt hat? Digitalisierung war in den 10er-Jahren der Super-Hype, fast eine Religion. Heute sind wir längst mitten in der »digitalen Revision«. Die Heilsversprechen haben sich immer weiter gesteigert, wurden dann aber überwiegend nicht eingelöst, auch ökonomisch nicht. Das Digitale hat auf der Ebene der Kommunikation erhebliche Schäden verursacht, weil die ständige Echtzeit-Welt alle negativen Eigenschaften von Menschen verstärkt. Hass, Boshaftigkeit und Oberflächlichkeit haben die öffentliche Diskussion nahezu zerstört, jedenfalls sehr schwer gemacht. Zudem wirkt sich Digitalisierung in den verschiedenen Bereichen des Alltags sehr unterschiedlich aus - und eben nicht immer positiv. Wir sehen mittlerweile, dass sie die Welt teilweise nicht smarter, sondern komplizierter macht, und dass das Internet nicht gerade ein sicherer Raum ist, sondern eher ein Wilder Westen, einschließlich Lynchmob..."

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