Lehrer schlagen Alarm: Söder muss Bildung zur Chefsache machen

Angesichts der Personalnot an Schulen sieht der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband den Ministerpräsidenten in der Pflicht: Söder müsse den Lehrermangel zur Chefsache machen, sagt BLLV-Präsidentin Fleischmann. »Wir lassen uns nicht ausnutzen!« 
Das aktuelle Schuljahr im Freistaat geht bald zu Ende, und das nächste beginnt in rund zwei Monaten. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) mahnt daher schnelles Handeln an. »Die Analyse steht: Es herrscht Lehrermangel in Bayern«, sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann in München. Die Bildungsqualität leide, viele Lehrer seien am Limit »oder weit darüber hinaus«, es gebe keine professionelle Personalplanung - und es sei weiter kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Fleischmann forderte den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) auf, sich persönlich der Bildungspolitik anzunehmen. »Wir appellieren an den Ministerpräsidenten: Machen Sie jetzt den Lehrermangel zur Chefsache«, betonte sie. »Nutzen Sie die Kolleginnen und Kollegen nicht weiter aus.« Nötig sei schnell ein »deutliches Signal der Spitze Bayerns« für langfristige Maßnahmen. 

Fleischmann: Attraktive Arbeitsbedingungen und gleicher Lohn
Damit sich junge Menschen für den Lehrerberuf entscheiden, müssten attraktive Arbeitsbedingungen geschaffen werden, sagte die Präsidentin des BLLV, dessen Mitglieder insbesondere Lehrkräfte an Grund- und Mittelschulen sind. Nötig sei auch gleicher Lohn an den Schularten: Niemand verstehe mehr, warum Grund- oder Mittelschullehrer weniger verdienten als ihre Kollegen an Realschulen und Gymnasien. Darüber hinaus müsse die Lehrerausbildung flexibler werden - zum Beispiel sollten sich Studierende erst später für eine Schulart entscheiden müssen.

Die Staatsregierung setze bisher auf das Prinzip Hoffnung, nutze das Berufsethos der Lehrerinnen und Lehrer aus und versuche, sich »irgendwie durchzuwurschteln«. Mit diesen Prinzipien sei der BLLV nicht einverstanden. Der Verband stelle sich vor die Kolleginnen und Kollegen und erinnere die Staatsregierung an ihre Fürsorgepflicht. »Wir lassen uns nicht ausnutzen«, betonte Fleischmann.

»Ausbeutung, Mehrarbeit, zweckfremder Einsatz« 
Die BLLV-Präsidentin verwies darauf, dass laut offiziellen Zahlen im Frühjahr 15 Prozent der Lehrkräfte gefehlt hätten, aber nur 0,7 Prozent des Unterrichts ausgefallen sei. Viele Politiker setzten einfach darauf, dass die Lehrerinnen und Lehrer es schon irgendwie schafften. Für die Kollegen sei das verbunden mit Ausbeutung, Mehrarbeit, teilweise »zweckfremdem Einsatz«.

So mussten laut BLLV-Vize Gerd Nitschke vielfach Förderlehrkräfte als Vertretung und Ersatz für reguläre Lehrer einspringen: Im Schuljahr 2020/21 seien Förderlehrer für 13.850 Wochenstunden eigenverantwortlichen Unterricht eingesetzt worden – und hätten somit circa 500 Grund- und Mittelschullehrkräfte ersetzt, statt Kinder an diesen Schularten gezielt zu fördern. Aktuell fehlten an den bayerischen Schulen mindestens 500 Fachlehrer.

Lehrerkapazitäten für den Vorkurs Deutsch, Förderunterricht, Arbeitsgemeinschaften und den Ganztag würden auf externes Personal umgeschichtet. Im aktuellen Schuljahr betreffe das insgesamt 650 Vollzeitstellen. Mittlerweile sei eine Vielzahl an Berufsgruppen im Einsatz. »Wir wissen manchmal nicht, wer überhaupt an unseren Schulen tätig ist«, sagte Nitschke. Zudem beklagte er einen »Bürokratiewahnsinn«.

Corona-Maßnahmen für den Herbst vorbereiten
Mit Blick auf den Herbst verlangt der BLVV von der Staatsregierung, jetzt schon Corona-Maßnahmen für das neue Schuljahr in Angriff zu nehmen. Um erneute Schulschließungen wirklich zu verhindern, müsse rechtzeitig gehandelt werden, sagte Fleischmann. Bisher müssten Lehrer weiter mit Unsicherheiten leben. »Wie soll dann Schule im September sein?« Jetzt sei noch Zeit, das zu klären. Die BLLV-Präsidentin betonte: »Wir erwarten hier klare Antworten.« 

Piazolo: Uneinigkeit in der Koalition
Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) zeigte Verständnis für die Forderungen des BLLV. »Die Unterrichtsversorgung beschäftigt uns seit vielen, vielen Jahren«, sagte er nach einer Sitzung des Kabinetts. Die Lage an den einzelnen Schularten sei aber unterschiedlich: Während an den Grund- und Mittelschulen ein Bewerbermangel herrsche, gebe es an Gymnasien und Realschulen mehr Bewerber als Plätze.

Piazolo ließ einmal mehr durchblicken, dass er eine Angleichung der Bezahlung von Lehrern an den Schularten befürworten würde - verwies aber auf die unterschiedliche Auffassungen zwischen den Koalitionspartnern Freie Wähler und CSU. Zumindest seien aber erste Schritte in diese Richtung unternommen worden..."

Quelle: BR24, Autorin: Lisa-Marie Wala